Warum nicht Michelle Bachelet? / Die Chilenin bringt für den Top-Job bei den un alles Nötige mit

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Wie ent­schei­dend cha­ris­ma­ti­sche Per­sön­lich­kei­ten sein kön­nen, hat auf erschre­cken­de Wei­se gera­de der Brex­it in Groß­bri­tan­ni­en bewie­sen: Nicht allein auf die Inhal­te, auf das bestechen­de Argu­ment kommt es in poli­ti­schen Debat­ten an, son­dern min­des­tens so sehr auf die betei­lig­ten Per­so­nen. Auf ihre Anzie­hungs­kraft, ihr rhe­to­ri­sches Talent und ihren Sym­pa­thie­fak­tor.

Auch bei den UN ist es hohe Zeit, nun wie­der eine Per­son mit Zug­kraft an die Spit­ze der Welt­or­ga­ni­sa­ti­on zu set­zen. Denn dass unser inter­na­tio­na­les Sys­tem, seit dem Zwei­ten Welt­krieg ste­tig gewach­sen und gereift, kei­nes­wegs Ewig­keits­cha­rak­ter hat – auch das hat der Brex­it mit uner­bitt­li­cher Här­te demons­triert.

UN Women Executive Director Michelle Bachelet at the commemoration of International Women's Day UN Women Executive Director Michelle Bachelet speaks at the Commemoration of International Women's Day on 8 March 2013 at the United Nations Headquarters in New York. Photo Credit: UN Women/Catianne Tijerina
UN Women Exe­cu­ti­ve Direc­tor Michel­le Bache­let speaks at the Com­me­mo­ra­ti­on of Inter­na­tio­nal Women’s Day on 8 March 2013 at the United Nati­ons Head­quar­ters in New York.
Pho­to Credit: UN Women/Catianne Tije­ri­na

Die „Fati­gue“ bezüg­lich inter­na­tio­na­ler und supra­na­tio­na­ler Orga­ni­sa­tio­nen ist allent­hal­ben spür­bar, und sie wächst. Ihre destruk­ti­ve Wucht wür­de im Zwei­fel auch vor den Ver­ein­ten Natio­nen nicht halt­ma­chen und die Welt­or­ga­ni­sa­ti­on bes­ten­falls voll­ends in die Bedeu­tungs­lo­sig­keit sto­ßen oder schlimms­ten­falls auch dort eine Aus­tritts­wel­le aus­lö­sen. Damit Gedan­ken in die­se Rich­tung gar nicht erst in Wahl­pro­gram­me Ein­gang fin­den, ist es umso wich­ti­ger, nun eine gut qua­li­fi­zier­te, von der Idee der UN beseel­te und cha­ris­ma­ti­sche Füh­rungs­fi­gur zum nächs­ten UN-Gene­ral­se­kre­tär zu machen. Oder zur nächs­ten UN-Gene­ral­se­kre­tä­rin. Nach 70 Jah­ren und acht Män­nern ist es nun eigent­lich Zeit für eine Frau.

Unbefriedigende Kandidatenliste

Wer die Lis­te der offi­zi­ell Nomi­nier­ten betrach­tet, der­zeit 11 an der Zahl, kann mit der bis­he­ri­gen Aus­wahl kaum zufrie­den sein. Sicher fin­den sich auch klin­gen­de Namen wie Helen Clark, lang­jäh­ri­ge Pre­mier­mi­nis­te­rin Neu­see­lands, und Antó­nio Guter­res, frü­he­rer Minis­ter­prä­si­dent Por­tu­gals, dar­un­ter. Aber eben auch Namen, die kei­ner kennt, wie der von Nata­lia Gher­man aus Mol­d­o­va oder von Vuk Jere­mi? aus Ser­bi­en.

Zumal angeb­lich Ost­eu­ro­pa die­ses Mal am Zug ist, also auch Clark und Guter­res bei strik­ter Anwen­dung die­ses Kri­te­ri­ums von vorn her­ein aus dem Ren­nen wären. Und von bei­den ist unklar, ob sie die nöti­ge Unter­stüt­zung im UN-Sicher­heits­rat bekom­men könn­ten. Clark hat den Ruf einer streit­ba­ren Frau, woge­gen ange­sichts der Welt­la­ge nichts sprä­che, aber ob sie damit bei den Ent­schei­dern im Sicher­heits­rat punk­ten kann, ist frag­lich.  Und Guter­res gilt nach zehn Jah­ren auf dem anstren­gen­den Pos­ten als UN-Hoch­kom­mis­sar für Flücht­lin­ge als abge­kämpft.

Ein pro­mi­nen­ter Name jedoch fehlt auf der Lis­te: der von Michel­le Bache­let. Sie ist zwar nicht aus Ost­eu­ro­pa, aber dafür bringt die Chi­le­nin alle Vor­aus­set­zun­gen mit, um eine gute Gene­ral­se­kre­tä­rin zu wer­den und – min­des­tens so wich­tig – um die Gunst des Sicher­heits­rats zu erlan­gen. In ihrer Bio­gra­fie fin­det sich gewis­ser­ma­ßen für jeden etwas. Zunächst das Offen­sicht­li­che: Sie ist eine Frau – ein gutes Argu­ment in den west­li­chen Haupt­städ­ten Washing­ton, Lon­don und Paris. Angeb­lich ist sie sogar befreun­det mit Hil­la­ry Clin­ton. Je nach Fort­gang des Wahl­kamp­fes in den USA – eine gewich­ti­ge Ver­bin­dung. Jeden­falls soll Clin­ton sei­ner­zeit als Außen­mi­nis­te­rin maß­geb­lich dafür gesorgt haben, dass Bache­let 2011 ers­te Che­fin von UN-Women wur­de.

Zum Gefallen Moskaus und Pekings

Poli­tisch gehört Bache­let den chi­le­ni­schen Sozia­lis­ten an, obwohl ihre Ansich­ten nach unse­rem Ver­ständ­nis wohl eher als sozi­al­de­mo­kra­tisch zu bezeich­nen sind. Das Label „Sozia­lis­tin“ dürf­te in Russ­land aus alter Gewohn­heit Sym­pa­thi­en her­vor­ru­fen, auf das es wegen des for­mel­len-infor­mel­len Zugriffs­rechts aus Ost­eu­ro­pa bei die­ser Wahl beson­ders ankommt. Außer­dem hat Bache­let, die mit ihrer Fami­lie in den Wir­ren der Pino­chet-Dik­ta­tur außer Lan­des getrie­ben wor­den war, eini­ge Jah­re in der DDR gelebt und an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät stu­diert. Auch das müss­te in Mos­kau – und Peking — mit Wohl­wol­len quit­tiert wer­den.

Als gelern­te Ärz­tin gehört sie min­des­tens von ihrer Aus­bil­dung her auch nicht zur Gat­tung der geschmei­di­gen Diplo­ma­ten oder smar­ten Öko­no­men west­li­cher Prä­gung –das könn­te in Peking und Mos­kau eben­falls zu ihrem Vor­teil gerei­chen. Schließ­lich hat sie auch auf „har­ten Poli­tik­fel­dern“ Erfah­rung gesam­melt: Schon lan­ge vor Ursu­la von der Ley­en war Bache­let ab 2002 Latein­ame­ri­kas ers­te Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin. Die­sen Pos­ten ver­sah sie so erfolg­reich, dass sie 2006 zur ers­ten Prä­si­den­tin ihres Lan­des gewählt wur­de. Weil die Ver­fas­sung eine zwei­te Amts­zeit nicht zulässt, schied sie 2010 aus und wech­sel­te zu den Ver­ein­ten Natio­nen. Dort wur­de sie Exe­ku­tiv-Direk­to­rin des neu gegrün­de­ten UN Women, ehe sie 2014 ein wei­te­res Mal das Prä­si­den­ten­amt ihres Hei­mat­lan­des errang.

Mit die­ser Mischung aus har­ten und wei­chen The­men – sie war auch mal Gesund­heits­mi­nis­te­rin – passt sie her­vor­ra­gend zum „Port­fo­lio“ der Ver­ein­ten Natio­nen, bei denen es einer­seits, ganz real­po­li­tisch, um die Frie­dens­trup­pen in aller Welt und ande­rer­seits um Men­schen­rech­te, Ent­wick­lung, Umwelt­schutz und um die Unter­drück­ten, Armen und Unter­pri­vi­le­gier­ten geht.

Bachelet hätte eine reelle Chance

Kurz gesagt, Bache­let hät­te im Sicher­heits­rat eine reel­le Chan­ce. Denn ihr Lebens­lauf ist beein­dru­ckend viel­fäl­tig, auch beein­dru­ckend anders: pio­nier­haft und unkon­ven­tio­nell. Also genau so, wie man es sich in die­ser Welt­la­ge von einer UN-Gene­ral­se­kre­tä­rin wünscht. Geschmei­di­ge Abni­cker sind jetzt genau­so wenig gefragt wie stu­re Dick­schä­del. Son­dern es braucht eine Per­son mit Grund­sät­zen UND diplo­ma­ti­schem Geschick, mit einer kla­ren Gerech­tig­keits-Agen­da UND einem Sinn für das Mach­ba­re.

Bache­let hat all das und ist mutig dazu. Dafür steht nicht zuletzt ihr Pri­vat­le­ben, denn sie ist Athe­is­tin, geschie­den, hat drei Kin­der von zwei ver­schie­de­nen Män­nern und war vie­le Jah­re allein­er­zie­hen­de Mut­ter. Damit ver­ei­ne sie wohl alle Tod­sün­den des katho­li­schen Chi­le auf sich, kom­men­tier­te Bache­let einst selbst ihren unge­wöhn­li­chen Lebens­lauf – und schaff­te es den­noch in die Spit­zen­äm­ter ihres Lan­des. Das spricht für ihre Anzie­hungs­kraft als Per­son. Dass sie der­zeit innen­po­li­tisch Gegen­wind erhält, muss ihre Gesamt­bi­lanz auf Dau­er nicht schmä­lern. Umge­kehrt könn­te es ihr Inter­es­se, wie­der nach New York zu wech­seln, ein wenig anfa­chen.

Umso bedau­er­li­cher ist, dass Michel­le Bache­let noch nicht auf der Lis­te steht. Aber sie kann sich als Prä­si­den­tin ihres Lan­des schließ­lich nicht selbst nomi­nie­ren; das ver­bie­tet der diplo­ma­ti­sche Com­ment. Umso lau­ter soll­te nun der Ruf nach ihrer Kan­di­da­tur erschal­len. Nur eine welt­wei­te Wel­le der Unter­stüt­zung könn­te sie aus ihrem Prä­si­den­ten­amt in San­tia­go nach New York tra­gen. Es wäre den Ver­such wert. Auch Michel­le Bache­let könn­te am Ende natür­lich im Amt schei­tern, aber sie bringt mehr mit, um dem zu ent­ge­hen, als alle ande­ren bis­her Nomi­nier­ten.

 

Frie­de­rike Bau­er arbei­tet als freie Jour­na­lis­tin und Auto­rin. Sie lebt in Frank­furt am Main und schreibt haupt­säch­lich über Außen- und Ent­wick­lungs­po­li­tik und ist Mit­glied des Redak­ti­ons­bei­rats der Zeit­schrift VEREINTE NATIONEN.

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