Vorbild für forschende Frauen! #GenderAKtion Interview mit Anne Peters

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Anne Peters war die zwei­te Frau, die auf eine deut­sche Völ­ker­rechts­pro­fes­sur beru­fen wur­de und ist jetzt Codi­rek­to­rin eines Max-Planck-Insti­tu­tes in Hei­del­berg. Als For­sche­rin wirkt sie für jün­ge­re Frau­en in der Wis­sen­schaft als Vor­bild. Erfahrt hier, was sie mit einem „Back­lash des Femi­nis­mus” meint, wel­chen Stel­len­wert sie Net­wor­king zuspricht und wie gut sich Fami­lie und For­schung ver­ei­nen las­sen. Außer­dem bie­ten wir Mit­schnit­te aus dem Inter­view erneut als Pod­cast an.

Jeden Monat stellt unser Arbeits­kreis eine weib­li­che Füh­rungs­po­si­ti­on aus den inter­na­tio­na­len Bezie­hun­gen vor. Damit knüp­fen wir an die dies­jäh­ri­ge Frau­en­rechts­kom­mis­si­on und deren The­ma „Die wirt­schaft­li­che Stär­kung von Frau­en in der sich ver­än­dern­den Arbeits­welt” an und und  sor­gen dafür, dass mehr weib­li­che Vor­bil­der sicht­bar wer­den. 

 

  1. Bit­te stel­len Sie sich kurz vor und beschrei­ben Sie Ihre der­zei­ti­ge Tätig­keit.

Ich bin Direk­to­rin am Max-Planck-Insti­tut für aus­län­di­sches öffent­li­ches Recht und Völ­ker­recht in Hei­del­berg. Max-Planck-Insti­tu­te sind Hoch­leis­tungs­for­schungs­stel­len. In Deutsch­land gibt es ein gro­ßes Netz­werk, über 80 Insti­tu­te. Die meis­ten davon sind natur­wis­sen­schaft­lich aus­ge­rich­tet, in den Geis­tes- und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten exis­tie­ren nur weni­ge. Zu letz­te­ren gehö­ren eini­ge juris­ti­sche Insti­tu­te. Das Insti­tut, das ich mit mei­nem Codi­rek­tor lei­te, wur­de schon in den 1920er Jah­ren in Ber­lin gegrün­det. Hier arbei­ten ins­ge­samt über 100 Per­so­nen, davon haupt­säch­lich Wis­sen­schaft­ler, dane­ben Biblio­the­ka­re und sons­ti­ges Per­so­nal. Ich bin aktu­ell geschäfts­füh­ren­de Direk­to­rin.

Mei­ne Haupt­tä­tig­keit ist For­schung im Bereich des Völ­ker­rechts. For­schung heißt hier, dass ich ver­su­che, neue rechts­wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­se zu gene­rie­ren und zu die­sem Zweck Auf­sät­ze und Bücher schrei­be, Bücher her­aus­ge­be, neue For­schungs­the­men iden­ti­fi­zie­re, Work­shops ver­an­stal­te und „Nach­wuchs­for­scher“, also Dok­to­ran­den und Post-Dok­to­ran­den, in For­schungs­pro­jek­te ein­be­zie­he und ihnen ermög­li­che, eine wis­sen­schaft­li­che Kar­rie­re zu ver­fol­gen. Außer­dem haben wir vie­le Gast­for­scher, die wegen der inter­na­tio­nal sehr wich­ti­gen und gro­ßen Biblio­thek kom­men und auch an unse­ren Ver­an­stal­tun­gen und Dis­kus­si­ons­krei­sen teil­neh­men. Wir sind also eine gro­ße, leis­tungs­star­ke und inter­na­tio­na­le „rese­arch com­mu­ni­ty“.

Ich bin auch Pro­fes­so­rin hier in Hei­del­berg, an mei­ner frü­he­ren Uni­ver­si­tät Basel und an der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin. Das heißt, dass ich in klei­nem Umfang auch an den Uni­ver­si­tä­ten leh­re.

 

  1. Könn­ten Sie Ihren Aus­bil­dungs- und Kar­rie­re­weg kurz beschrei­ben?

Ich habe das juris­ti­sche Stu­di­um mit dem Ziel begon­nen, mich mit Völ­ker­recht zu befas­sen — obwohl ich gar nicht genau wuss­te, was das bedeu­tet. Schon im ers­ten Semes­ter besuch­te ich eine Völ­ker­rechts­vor­le­sung, was im Stu­di­en­plan nicht vor­ge­se­hen war. Ich habe dann im Wesent­li­chen Rechts­wis­sen­schaf­ten stu­diert, Ers­tes und Zwei­tes Staats­ex­amen gemacht, dann habe ich pro­mo­viert und habe ein LL.M.-Studium in den USA absol­viert, an der Har­vard Law School. Im Anschluss dar­an wur­de ich habi­li­tiert und bin Pro­fes­so­rin in Basel gewor­den, wo ich 12 Jah­re lang tätig war. Schließ­lich wur­de ich vor vier Jah­ren nach Hei­del­berg beru­fen.

 

  1. Inwie­fern ist Ihnen auf Ihrem Wer­de­gang jeg­li­che Art von Dis­kri­mi­nie­rung auf Grund Ihres Geschlechts begeg­net?

Als ich mein Stu­di­um auf­nahm, war schon unge­fähr die Hälf­te der Jura-Stu­die­ren­den Frau­en. Trotz­dem fiel mir nach eini­gen Jah­ren auf, dass in den Ver­an­stal­tun­gen und Semi­na­ren eigent­lich nur die Stu­den­ten (d.h. die Män­ner) gespro­chen haben. Ich weiß noch genau, in wel­cher Vor­le­sung ich mir selbst einen Ruck gege­ben habe und eine bewuss­te Ent­schei­dung gefällt habe, dass ich mich auch an der Dis­kus­si­on betei­li­gen möch­te.

Eine ande­re Geschich­te ist, dass ich in der Zeit mei­nes Stu­di­ums nie­mals eine weib­li­che Pro­fes­so­rin hat­te, weil es ein­fach kei­ne gab. Ich habe das gar nicht wei­ter in Fra­ge gestellt oder beach­tet — schließ­lich waren es die 1980er Jah­re. Als ich mir nach Stu­di­um und Refe­ren­da­ri­at aller­dings einen Super­vi­sor für mei­ne Mas­ter­the­sis an der Har­vard Law School aus­su­chen muss­te, habe ich ganz bewusst eine Frau als Betreue­rin gesucht. Die Betreue­rin war sehr gut, aber ich kann wirk­lich nicht sagen, dass es ein ande­res Betreu­ungs­ver­hält­nis war als das­je­ni­ge, was ich bereits kann­te.

Heu­te gibt es in der Schweiz sehr vie­le Völ­ker­rechts­pro­fes­so­rin­nen, in Deutsch­land immer noch weni­ge. Im Max-Planck-Bereich gibt es noch viel weni­ger Frau­en, fast gar kei­ne. Hier wer­den gro­ße Anstren­gun­gen unter­nom­men, um weib­li­che Direk­to­rin­nen zu beru­fen. Ich bin zum Bei­spiel die ers­te Direk­to­rin an einem der ins­ge­samt sie­ben juris­ti­schen Insti­tu­te. Als ich aus Basel kam, habe ich mei­ne Mit­ar­bei­te­rin­nen mit­ge­bracht — wir waren ein rei­nes Frau­en­team. Als wir hier ein­zo­gen, wur­de gefragt, ob ich hier­mit ein bestimm­tes Pro­gramm ver­fol­gen wür­de … Wäre ich nur mit Män­nern gekom­men, hät­te nie­mand gefragt!

Zur Zeit habe ich unter mei­nen Assis­ten­ten und Mit­ar­bei­tern etwas mehr Frau­en als Män­ner. Ich arbei­te gut und ger­ne mit Frau­en zusam­men. Das liegt viel­leicht an bestimm­ten Eigen­schaf­ten, die ich häu­fig bei Mit­ar­bei­te­rin­nen vor­fin­de: aus­ge­präg­te­Kom­mu­ni­ka­ti­on und ein ste­tes Mit­den­ken.

Ich wer­de oft von jün­ge­ren Frau­en ange­spro­chen, die sich dafür inter­es­sie­ren, wie man Kar­rie­re und Fami­lie ver­ein­ba­ren kann. Ihnen ver­su­che ich mei­nen per­sön­li­chen Weg rea­lis­tisch zu schil­dern. Ich glau­be, dass ich allein durch die Tat­sa­che, dass ich mei­nen jet­zi­gen Job aus­füh­re und dass mei­ne Tätig­keit sicht­bar ist, jün­ge­re Frau­en ermu­ti­gen kann.

 

  1. Haben Sie einen Rat­schlag für jun­ge Frau­en in der Arbeits­welt, ins­be­son­de­re im inter­na­tio­na­len Kon­text?

Ich bin Wis­sen­schaft­le­rin und nicht in der Pra­xis tätig und glau­be, dass sich die­se Gebie­te stark von­ein­an­der unter­schei­den. In der Wis­sen­schaft hat man einer­seits sehr vie­le Frei­hei­ten, was die Gestal­tung von Arbeits­zeit und -platz angeht, es gibt Sti­pen­di­en und man muss mor­gens nicht um 8 Uhr im Büro sein, was der Ver­ein­bar­keit mit Fami­lie zuträg­lich ist. Ande­rer­seits führt die Frei­heit und Offen­heit zur Wahr­neh­mung eines star­ken Ver­öf­fent­li­chungs- und Kon­kur­renz­drucks. Jun­ge Wis­sen­schaft­le­rin­nen haben zudem sehr lan­ge kei­ne fes­te Stel­le und sind nur über Zeit­ver­trä­ge beschäf­tigt. Ins­be­son­de­re im tra­di­tio­nel­len deut­schen Sys­tem muss man direkt nach der Dok­tor­ar­beit ein zwei­tes Buch, die Habi­li­ta­ti­ons­schrift, vor­le­gen. Das fällt genau in das Alter, in dem frau sich über­le­gen muss, ob sie Kin­der bekom­men möch­te. Ich wür­de also sagen, dass die Wis­sen­schaft Vor- und Nach­tei­le für Frau­en auf­weist. Außer­dem sind die Fach­kul­tu­ren unter­schied­lich „frau­en­freund­lich”.

Letzt­lich muss natür­lich die Leis­tung in Form von guten Ver­öf­fent­li­chun­gen erbracht wer­den, wobei Qua­li­tät an ers­ter Stel­le, Quan­ti­tät erst an zwei­ter Stel­le steht. Netz­wer­ken ist mei­ner Ansicht nach zweit­ran­gig. Wenn Sie einen Auf­satz schrei­ben, kön­nen Sie ein Pro­dukt vor­wei­sen und mit ande­ren For­schern über Inhal­te ins Gespräch kom­men. Das ist wich­ti­ger, als Clubs zu grün­den, ohne etwas in der Hand zu haben. Ich sel­ber habe nie bewusst „genetz­werkt“. Man soll­te sich also nicht ver­rückt machen und den­ken, dass man in allen mög­li­chen Ver­ei­nen sein muss. Ande­rer­seits könn­te es stim­men, dass Bezie­hun­gen, die einem beruf­lich hel­fen könn­ten, spät abends beim Bier ver­tieft wer­den. Ich habe sol­che Sachen nie mit­ge­macht, ers­tens weil ich kein Bier mag, zwei­tens zu Hau­se klei­ne Kin­der hat­te und all­ge­mein spät abends nach einem offi­zi­el­len Essen nicht noch in eine Knei­pe gehen möch­te. „Netz­wer­ken“ eröff­net even­tu­ell Mög­lich­kei­ten, aber es ver­langt Zeit.

Wenn Sie mich nach einer abschlie­ßen­den Bot­schaft fra­gen: Stu­den­tin­nen, seid nicht naiv! Wir erle­ben teil­wei­se einen Back­lash: Einer­seits klingt „Femi­nis­mus“ kom­plett ver­al­tet oder wird als Schimpf­wort ver­wen­det. Ande­rer­seits sind die meis­ten Stu­den­tin­nen unbe­darft (so wie ich, bis ich gemerkt habe, dass prak­tisch nur Män­ner reden). Es ist aber inter­es­sant zu beob­ach­ten, dass Väter plötz­lich Femi­nis­ten wer­den und begin­nen, Unter­neh­mens­struk­tu­ren zu hin­ter­fra­gen, wenn ihre Töch­ter beruf­lich nicht mehr wei­ter­kom­men.

 

Die­ses Inter­view wur­de von Hele­na Kie­sel­stein und Shi­la Block durch­ge­führt. 

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