Verlorene Femininität? — erstes #GenderAKtion Interview mit Kerstin Leitner

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Vor­bil­der für Welt­ret­te­rin­nen gesucht? Der Arbeits­kreis Gen­der­ge­rech­tig­keit prä­sen­tiert euch jeden Monat eine weib­li­che Füh­rungs­po­si­ti­on aus den inter­na­tio­na­len Bezie­hun­gen. Damit knüp­fen wir an die dies­jäh­ri­ge Frau­en­rechts­kom­mis­si­on und deren The­ma „Die wirt­schaft­li­che Stär­kung von Frau­en in der sich ver­än­dern­den Arbeits­welt” an. Lest hier das ers­te Inter­view mit Kers­tin Leit­ner, einer “moder­nen Noma­din” mit inspi­rie­ren­der Kar­rie­re. 

 

  1. Bit­te stel­len Sie sich kurz vor und beschrei­ben Sie Ihre der­zei­ti­ge Tätig­keit.

 

Ich lebe seit 2005 wie­der in Ber­lin, wo ich seit mei­ner Pen­sio­nie­rung nach 30-jäh­ri­ger Tätig­keit bei und mit den Ver­ein­ten Natio­nen woh­ne. Nach Auf­ent­hal­ten in Afri­ka, Chi­na, New York und Genf erschien mir eine Rück­kehr nach Deutsch­land nur mög­lich, wenn ich nach Ber­lin gin­ge. Dass es das ver­ein­te Ber­lin war, in das ich kam, mit frei­em Zugang zu sei­nem gesam­ten Stadt­ge­biet und sei­nem his­to­ri­schen Umland, war ein Bonus, aber nicht aus­schla­gend für mei­ne Ent­schei­dung. Seit mei­ner Rück­kehr unter­rich­te ich ehren­amt­lich, zunächst an der FU Ber­lin, mei­ner alma mater, und seit 2013 an der Uni­ver­si­tät Pots­dam, als Poli­to­lo­gin im Bereich „Glo­bal Public Poli­ci­es“. Dar­über hin­aus enga­gie­re ich mich im Rah­men eini­ger NGOs, zum Bei­spiel der DGVN, wo ich Mit­glied des Prä­si­di­ums bin. Auf mei­ner Web­sei­te www.kerstinleitner.net ver­öf­fent­li­che ich regel­mä­ßig Blogs zu aktu­el­len The­men der inter­na­tio­na­len Poli­tik.

 

  1. Könn­ten Sie Ihren Aus­bil­dungs- und Kar­rie­re­weg kurz beschrei­ben?

 

Ich habe seit 1965 in Frankfurt/M und Freiburg/Br. Geschich­te und Poli­to­lo­gie stu­diert. 1967 setz­te ich mein Stu­di­um an der FU Ber­lin fort, wo ich 1975, nach Stu­di­en­auf­ent­hal­ten in Genf und Kenia, 1975 pro­mo­vier­te mit einer Arbeit über die poli­ti­sche Ent­wick­lung Keni­as seit der Unab­hän­gig­keit, übri­gens in eng­li­scher Spra­che mit einer kur­zen deut­schen Zusam­men­fas­sung. Weni­ge Tage nach mei­nem Rigo­ros­um reis­te ich im Okto­ber nach Cotonou/Dahomey, um eine Stel­le als JPO im dor­ti­gen UNDP Büro anzu­tre­ten. Ich war im April in Frankfurt/M inter­viewt wor­den und hat­te kurz dar­auf ein Ange­bot bekom­men, muss­te aber erst mei­ne Dok­tor­ar­beit zu Ende schrei­ben und die münd­li­che Prü­fung able­gen.

Eigent­lich woll­te ich nach Ablauf des Zwei­jah­res­ver­tra­ges nach Deutsch­land zurück­keh­ren, bekam aber ein Ange­bot von UNDP, in den regu­lä­ren Dienst über­nom­men zu wer­den. Ich sag­te zu, nicht wis­send, dass dies eine Rei­se um die Welt von 30 Jah­ren wer­den wür­de. Von Coto­nou aus wur­de ich Ende 1979 als ein­zi­ge Frau in das neu­ge­schaf­fe­ne UNDP Team in Beijing/China beru­fen, das seit 1978 dort ein Pro­gramm der inter­na­tio­na­len tech­ni­schen Zusam­men­ar­beit zwi­schen dem VN Sys­tem und Chi­na auf­bau­te.

Anfang 1983 ver­ließ ich Chi­na und ging nach New York, um im dor­ti­gen Regio­nal­bü­ro für ara­bi­sche Län­der mei­ne Tätig­keit bei UNDP fort­zu­set­zen. Nach Chi­na ein gro­ßer Kon­trast, aber nicht weni­ger auf­re­gend und her­aus­for­dernd. 1986 über­nahm ein neu­er Admi­nis­tra­tor (so lau­tet der offi­zi­el­le Titel des höchs­ten Pos­tens bei UNDP) die Füh­rung von UNDP und woll­te unbe­dingt mehr Frau­en in Füh­rungs­po­si­tio­nen sehen. 1987 wur­de ich des­halb aus New York her­aus­ka­ta­pul­tiert auf den Pos­ten des stän­di­gen Ver­tre­ters von UNDP in Mala­wi, der 2 Stu­fen über mei­nem eige­nen Dienst­grad lag. Zwar bekam ich eine beschleu­nig­te Beför­de­rung und viel mit­lei­di­ge Unter­stüt­zung sei­tens eini­ger mei­ner männ­li­chen Kol­le­gen, aber auch nei­di­sche Miss­gunst. Eini­ge Kol­le­gen schie­nen unter­ein­an­der Wet­ten abzu­schie­ßen dar­über, ob ich in dem Pos­ten schei­tern wür­de oder nicht. Ich hat­te mich weder für die­sen Pos­ten bewor­ben noch ver­ließ ich New York ger­ne, inso­fern hat­te ich eine gewis­se inne­re Distanz und Gelas­sen­heit zu die­sem Rie­sen­schritt in mei­ner Kar­rie­re. Gott sei Dank, wur­de Mala­wi eine wun­der­ba­re, berei­chern­de Erfah­rung und als ich Ende 1990 wie­der nach New York ver­setzt wur­de, fiel mir der Abschied schwer. Auf mei­nen Wunsch hin wur­de ich stell­ver­tre­ten­de Direk­to­rin in der IT Abtei­lung von UNDP mit dem Auf­trag, UNDP ins digi­ta­le Zeit­al­ter zu füh­ren. Da wir bei die­ser „ent­wick­lungs­po­li­ti­schen“ Auf­ga­be im Inne­ren der Orga­ni­sa­ti­on gro­ße Erfol­ge erziel­ten, konn­te ich 1997 zwi­schen meh­re­ren hoch­ran­gi­gen Pos­ten wäh­len und nahm den Pos­ten des stän­di­gen Ver­tre­ters von UNDP und Koor­di­na­to­rin für das VN Sys­tem in Chi­na an. Von März 1998 bis Juli 2003 nahm ich die­se Funk­ti­on wahr, ein­deu­tig der Höhe­punkt mei­ner beruf­li­chen Lauf­bahn. Als ich nach 5 Jah­ren zur Ver­set­zung anstand, war ich nur 2 Jah­re vom Pen­si­ons­al­ter ent­fernt, und woll­te mei­ne VN Kar­rie­re schon been­den, als ich unver­hofft die Stel­le einer bei­geord­ne­ten Gene­ral­di­rek­to­rin der WHO in Genf ange­bo­ten bekam. Dort war ich dann für 2 Jah­re bis zu mei­ner Pen­sio­nie­rung im Som­mer 2005 für den Bereich Umwelt und Gesund­heit zustän­dig.

Mehr über mei­ne Kar­rie­re, Berufs­er­fah­run­gen und die Beson­der­hei­ten für die VN tätig zu sein, kann man in mei­nen, im Her­der Ver­lag 2016 erschie­ne­nen Memoi­ren („Als moder­ne Noma­din um die Welt“) lesen.

 

  1. Inwie­fern ist Ihnen auf ihrem Wer­de­gang jeg­li­che Art von Dis­kri­mi­nie­rung auf Grund ihres Geschlechts begeg­net?

 

Zwei Erleb­nis­se ste­chen her­aus. Das eine war: Als stu­den­ti­sche Prak­ti­kan­tin beim Hes­si­schen Rund­funk Ende der 60er Jah­re, gelang mir eine Repor­ta­ge, die zur bes­ten Sen­de­zeit gesen­det wur­de. Dar­auf­hin nahm mich ein älte­rer Kol­le­ge in den Arm und sag­te: „Ich sol­le das las­sen, denn ich wür­de sonst mei­ne gan­ze Femi­nini­tät ver­lie­ren“. Ganz unrecht hat­te er nicht. Im Lau­fe mei­nes Berufs­le­bens habe ich mich immer kon­ser­va­tiv geklei­det und wenig attrak­tiv ver­hal­ten, um kei­ne unge­wünsch­ten Avan­cen zu pro­vo­zie­ren. Das zwei­te Erleb­nis war mei­ne Ver­set­zung nach Mala­wi. Über­flie­ge­rin­nen und Über­flie­ger sind in kei­ner Büro­kra­tie beliebt, und wenn es sich um Frau­en han­delt, steigt sofort der Ver­dacht auf, dass sich die Betrof­fe­ne die Beför­de­rung „erschla­fen“ hat, und für den Pos­ten nicht kom­pe­tent ist. Sol­chen Ver­dacht muss man igno­rie­ren, und ein­fach wei­ter­ma­chen. Heu­te sind vie­le die­ser offe­nen Dis­kri­mi­nie­run­gen über­wun­den, aber es gibt natür­lich noch ver­steck­te For­men. Aber auch für die gilt, igno­rie­ren und sich auf die Arbeit kon­zen­trie­ren. Ver­bün­de­te, Men­to­rin­nen und Men­to­ren und wohl­wol­len­de Kol­le­gen und Kol­le­gin­nen suchen, und sich mit deren Rat und Unter­stüt­zung durch­set­zen. Übri­gens fin­de ich die Vor­be­hal­te gegen berufs­tä­ti­ge Frau­en in Deutsch­land auch heu­te noch als beson­de­re viru­lent. Im inter­na­tio­na­len Ver­gleich schnei­det unser Land nach wie vor nicht gut ab.

 

  1. Haben Sie einen Rat­schlag für jun­ge Frau­en in der Arbeits­welt, ins­be­son­de­re im inter­na­tio­na­len Kon­text?

 

Im inter­na­tio­na­len Bereich sind Kar­rie­ren nicht so vor­her­seh­bar wie z.B. im natio­na­len öffent­li­chen Dienst. Daher gilt: ein­fach ein­stei­gen und dann sehen, wie es wei­ter­geht. Erst wenn man sich eine gute pro­fes­sio­nel­le Repu­ta­ti­on erar­bei­tet hat, kann man wäh­len und Ein­fluss auf den eige­nen Wer­de­gang neh­men. Im inter­na­tio­na­len Bereich ist die Tole­ranz, Fami­lie und Beruf zu ver­bin­den, inzwi­schen deut­lich gestie­gen. Aller­dings braucht eine stei­le Kar­rie­re, so wie mei­ne, einen sehr loya­len Lebens­part­ner und Hil­fe bei der Betreu­ung der Kin­der. Trotz­dem wird manch­mal die Rück­sicht­nah­me auf die Fami­lie eine inter­na­tio­na­le Kar­rie­re ent­schleu­ni­gen, aber nicht blo­ckie­ren.

 

Ent­schei­dend ist, dass eine berufs­ori­en­tier­te Frau nicht nur „nein“ zu Mög­lich­kei­ten sagen darf, son­dern auch und öfter „ja, das mache ich“. Frau­en schei­tern viel häu­fi­ger an ihrer anfäng­li­chen Ver­zagt­heit, als an den Schwie­rig­kei­ten sel­ber. Die­se zu über­win­den, gibt es immer hel­fen­de Köp­fe und Hän­de, wenn sie bei Bedarf gezielt gesucht wer­den.

 

Die­ses Inter­view wur­de von Eva Rit­te geführt.

9 Comments on “Verlorene Femininität? — erstes #GenderAKtion Interview mit Kerstin Leitner
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