Igor Lukši?: Wird der einstmals jüngste Regierungschef der Welt auch zum jüngsten UN-Generalsekretär?

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Wenn Ende des Jah­res der neue Gene­ral­se­kre­tär bezie­hungs­wei­se die neue Gene­ral­se­kre­tä­rin fest­ste­hen wird, deu­tet vie­les dar­auf hin, dass der neue Man­dats­trä­ger oder die neue Man­dats­trä­ge­rin ein ganz bestimm­tes Kri­te­ri­um auf­wei­sen wird: eine Abstam­mung aus Ost­eu­ro­pa. Abge­se­hen von die­sem Erd­teil stamm­ten Ban Ki-moon und sei­ne Vor­gän­ger bereits aus sämt­li­chen ande­ren UN-Regio­nen (drei­mal West­eu­ro­pa und ande­re Län­der, zwei­mal Afri­ka, zwei­mal Asi­en, ein­mal Lateinamerika/Karibik). Das vor­ge­se­he­ne geo­gra­phi­sche Rota­ti­ons­prin­zip und die gro­ße Bedeu­tung des sla­wi­schen Raums, womög­lich vor allem im Hin­blick auf die sicher­heits­po­li­ti­sche Lage im Ver­hält­nis zur Veto-Macht Russ­land, machen eine ost­eu­ro­päi­sche Beset­zung des Pos­tens sehr wahr­schein­lich. Zudem befin­den sich neben der Neu­see­län­de­rin Helen Clark, der Cos­ta Rica­ne­rin Chris­tia­na Figue­res, der Argen­ti­nie­rin Sus­a­na Mal­cor­ra und dem Por­tu­gie­sen Anto­nio Guter­res aktu­ell gan­ze sechs Ver­tre­te­rin­nen und Ver­tre­ter aus Ost­eu­ro­pa im Bewer­ber­kreis.

Steile Karriere auf dem Balkan

Press encounter by Dr. Igor Luksic, Deputy Prime Minister and Minister of Foreign Affairs and European Integration of Montenegro
Press encoun­ter by Dr. Igor Luk­sic, Depu­ty Prime Minis­ter and Minis­ter of For­eign Affairs and Euro­pean Inte­gra­ti­on of Mon­te­ne­gro

Der jüngs­te unter ihnen ist mit gera­de ein­mal 39 Jah­ren Mon­te­ne­gros Außen­mi­nis­ter Igor Lukši?. Der drei­fa­che Fami­li­en­va­ter begann sei­ne poli­ti­sche Kar­rie­re ent­spre­chend früh und zog bereits 2001 ins natio­na­le Par­la­ment ein. Nur kur­ze Zeit spä­ter wur­de der stu­dier­te Öko­nom nach einem kur­zen Inter­mez­zo als stell­ver­tre­ten­der Außen­mi­nis­ter Ser­bi­en und Mon­te­ne­gros 2004 zum Finanz­mi­nis­ter ernannt, einen Pos­ten den er in der Fol­ge fünf­mal beklei­de­te. Infol­ge von Kon­tro­ver­sen um den dama­li­gen Pre­mier­mi­nis­ter ?uka­no­vi? wur­de der Senk­recht­star­ter ein­stim­mig von sei­ner Par­tei DPS zum Nach­fol­ger nomi­niert und anschlie­ßend in die­sem Amt vom Par­la­ment am 2010 bestä­tigt. Damit wur­de er zum jüngs­ten Regie­rungs­chef der Welt. Der­zeit ist der Sozi­al­de­mo­krat als Vize­pre­mier­mi­nis­ter und Außen­mi­nis­ter tätig.

Im Gegen­satz zur Ideo­lo­gie sei­ner Par­tei tritt Lukši? in sei­ner kon­kre­ten Poli­tik­ge­stal­tung aller­dings erstaun­lich neo­li­be­ral und patrio­tisch auf. So agiert er in hohem Maße wirt­schafts­freund­lich und preist vehe­ment die posi­ti­ven Effek­te von Wachs­tum und gesi­cher­tem Pri­vat­ei­gen­tum an, was unter ande­rem auf sei­ne Prä­gung durch Pro­fes­so­ren die­ser Denk­rich­tung wäh­rend sei­nes Stu­di­ums an der Uni­ver­si­ty of Mon­te­ne­gro zurück­zu­füh­ren ist. Bedingt durch die post-jugo­sla­wi­sche Auf­bruchs­stim­mung konn­te sei­ne unter­neh­mer­freund­li­che Poli­tik der Pri­va­ti­sie­run­gen Früch­te tra­gen und das Wohl­stands­ni­veau im jun­gen Staat somit deut­lich ange­ho­ben wer­den, wenn­gleich die Finanz­kri­se 2008 auch den klei­nen Staat am Bal­kan rela­tiv hart traf. Ins­ge­samt gelang es Lukši? bemer­kens­wert gut, den Spa­gat zwi­schen Refor­men und der Wah­rung von Tra­di­tio­nen und innen­po­li­ti­scher Sta­bi­li­tät zu meis­tern und das Land so, defi­ni­tiv sein größ­ter Erfolg, zum EU-Bei­tritts­kan­di­da­ten zu machen sowie einen Beob­ach­ter­sta­tus und reel­le Bei­tritts­chan­cen bei der NATO zu erhal­ten. Das Bekennt­nis zur euro­päi­schen Inte­gra­ti­on stei­ger­te sein welt­po­li­ti­sches Anse­hen und schärf­te sein inter­na­tio­na­les Pro­fil. Ein Umstand der letzt­lich auch sei­ne Chan­cen auf eine geho­be­ne Beschäf­ti­gung in inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen wie der UN beträcht­lich erhöht.

Aller­dings rief der mon­te­ne­gri­ni­sche Jung­star auch des Öfte­ren nega­ti­ve Asso­zia­tio­nen her­vor, etwa indem er in Unzu­läng­lich­kei­ten infol­ge der Abwick­lung der mon­te­ne­gri­ni­schen Prva Bank invol­viert wur­de. Außer­dem wur­de ihm wie­der­holt vor­ge­wor­fen, er habe wäh­rend sei­ner Amts­zeit als Pre­mier­mi­nis­ter nur als Mario­net­te sei­nes Vor­gän­gers ?uka­no­vi? fun­giert, wel­cher seit sei­nem Rück­tritt wei­ter­hin als Par­tei­chef tätig ist und dem ein nach wie vor gro­ßer Ein­fluss auf sei­nen Pro­te­gé nach­ge­sagt wird.

Jung und ambitioniert zum obersten Diplomaten?

Bezüg­lich sei­ner mög­li­chen Rol­le als künf­ti­ger UN-Gene­ral­se­kre­tär erhofft sich Lukši? ein deut­lich akti­ve­res Vor­ge­hen der Welt­ge­mein­schaft, indem ver­stärkt auf Koope­ra­ti­on und Koor­di­na­ti­on mit regio­na­len und loka­len Akteu­ren gesetzt wer­den soll. Kon­kre­te the­ma­ti­sche Erfah­run­gen und Posi­tio­nie­run­gen las­sen sich pri­mär in den Berei­chen Kli­ma­wan­del, Migra­ti­on, Peace­kee­ping und Men­schen­rech­te nach­wei­sen. Mit einer Ein­schrän­kung des inter­nen Wett­be­werbs diver­ser UN-Agen­tu­ren (wel­che auf­grund von Abstim­mungs­pro­ble­men unter­ein­an­der Syn­er­gie­ef­fek­te unge­nutzt las­sen) sowie der Schaf­fung neu­er Insti­tu­tio­nen, wie bei­spiels­wei­se eines Exper­ten­pa­nels zur Über­wa­chung der gegen­wär­ti­gen Aus­ga­ben oder des ambi­tio­nier­ten Pro­jekts einer „Peace Ope­ra­ti­ons Group“, stellt der Mon­te­ne­gri­ner durch­aus sanf­te struk­tu­rel­le Anpas­sun­gen in den Raum und lässt kla­re Lini­en erken­nen. Den­noch könn­te man monie­ren, es feh­le ihm letzt­lich noch an Pra­xis bezüg­lich kon­kre­ter Arbeit für die UN, da er inner­halb der Welt­ge­mein­schaft bis­her noch kei­ner­lei Pos­ten beklei­det hat. Auch sein ver­gleichs­wei­se gerin­ges Alter wird ihm gern als nicht vor­han­de­ne Erfah­rung aus­ge­legt, wor­in er aber auch gera­de eine Chan­ce sieht,  jun­ge Men­schen für die UN und ihre Arbeit zu begeis­tern.

Ein weit­aus grö­ße­res Hemm­nis auf dem Weg zum Amt des neu­en Gene­ral­se­kre­tärs dürf­te jedoch die Mei­nung Russ­lands dar­stel­len: Auf­grund der von Lukši? vor­an­ge­trie­be­nen West­bin­dung Mon­te­ne­gros, sowohl an die EU als auch an die NATO, hat sich der mon­te­ne­gri­ni­sche Außen­mi­nis­ter in Mos­kau kei­ne Freun­de gemacht. Die­ser Umstand sorgt dafür, dass der ein­gangs erwähn­te Stand­ort­vor­teil Ost­eu­ro­pa im Hin­blick auf aus­blei­ben­de rus­si­sche Unter­stüt­zung schnell pul­ver­i­ri­siert wird. Zudem hat Lukši? noch ein wei­te­res „Pro­blem“: er ist ein Mann. Was banal klingt ist nach acht männ­li­chen Gene­ral­se­kre­tä­ren und der aktu­el­len Debat­te um die Sym­bol­wir­kung einer weib­li­chen obers­ten Diplo­ma­tin zu einem nicht zu unter­schät­zen­den Kri­te­ri­um gewor­den, wes­we­gen man dem Ver­tre­ter Mon­te­ne­gros wohl maxi­mal Außen­sei­ter­chan­cen ein­räu­men kann.

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