Gendered Entwicklungszusammenarbeit — Interview mit Petra Wagner

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Petra Wag­ner benei­det ihr heu­ti­ges Ich um die Mög­lich­keit, öffent­lich über sexu­el­le Über­grif­fe zu spre­chen. Als sie ihren Kar­rie­re­weg in der deut­schen Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit begann, war dies noch nicht denk­bar. Heu­te ist die Deut­sche Gesell­schaft für Inter­na­tio­na­le Zusam­men­ar­beit ein fai­rer Arbeit­ge­ber für jun­ge Frau­en. Lest hier wel­che drei Rat­schlä­ge Petra Wag­ner jun­gen Frau­en an die Hand gibt! 

Jeden Monat stellt der Arbeits­kreis für Gen­der­ge­rech­tig­keit eine weib­li­che Füh­rungs­po­si­ti­on aus den inter­na­tio­na­len Bezie­hun­gen vor. Damit knüp­fen wir an die dies­jäh­ri­ge Frau­en­rechts­kom­mis­si­on und deren The­ma „Die wirt­schaft­li­che Stär­kung von Frau­en in der sich ver­än­dern­den Arbeits­welt” an und und sor­gen dafür, dass mehr weib­li­che Vor­bil­der sicht­bar wer­den. 

 

  1. Bit­ten stel­len Sie sich kurz vor und beschrei­ben Sie Ihre der­zei­ti­ge Tätig­keit.

Ich hei­ße Petra Wag­ner und arbei­te seit 1983 in der deut­schen Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit, zunächst im Con­sul­ting, dann von 1987 bis 1991 in der GTZ (Deut­sche Gesell­schaft für tech­ni­sche Zusam­men­ar­beit), danach wie­der im Con­sul­ting und seit 1994 in der GTZ (seit 2011 GIZ Deut­sche Gesell­schaft für Inter­na­tio­na­le Zusam­men­ar­beit). Der­zeit bin ich die Lan­des­di­rek­to­rin des Regio­nal­bü­ros Kame­run, was bedeu­tet, dass ich für Kame­run, Tschad, Zen­tral­afri­ka­ni­sche Repu­blik (ZAR), Gabun, Sao Tomé und Prín­ci­pe zustän­dig bin. Die meis­ten Pro­gram­me und Pro­jek­te, die haupt­säch­lich vom Bun­des­mi­nis­te­ri­um für wirt­schaft­li­che Zusam­men­ar­beit und Ent­wick­lung finan­ziert wer­den, füh­ren wir gemein­sam mit unse­ren natio­na­len Part­nern in Kame­run und im Tschad durch. In der ZAR unter­stüt­zen wir ein Pro­jekt der Welt­hun­ger­hil­fe, in Gabun, Sao Tomé und Prín­ci­pe haben wir der­zeit kei­ne Akti­vi­tä­ten. Die Stel­le als Lan­des­di­rek­to­rin gebe ich im Dezem­ber 2017 an mei­ne Nach­fol­ge­rin ab, danach gehe ich (erst­mal) in den Ruhe­stand.

 

  1. Könn­ten Sie Ihren Aus­bil­dungs- und Kar­rie­re­weg kurz beschrei­ben?

Ich habe 1970 Abitur gemacht, dann Ger­ma­nis­tik und Anglis­tik stu­diert, spä­ter als Auf­bau­stu­di­um noch ein paar Semes­ter Sozio­lo­gie dran­ge­hängt und in Ger­ma­nis­tik pro­mo­viert. Wäh­rend des Stu­di­ums wur­de mir schnell klar, dass der Leh­rer­be­ruf für mich nicht in Fra­ge kam. Des­we­gen habe ich ab 1983 in einer Con­sul­ting-Agen­tur, die aus­schließ­lich für die GTZ arbei­te­te, sozio­lo­gi­sche Fra­ge­stel­lun­gen inner­halb der sehr tech­ni­schen Pro­jek­te bear­bei­tet. 1987 habe ich mei­ne ers­te Stel­le als GTZ Pro­jekt­lei­te­rin in Mali ange­tre­ten, dem folg­ten 1991 -1993 ein wei­te­rer Con­sul­ting­ein­satz und der end­gül­ti­ge Wech­sel in die GTZ/GIZ. Ich habe dort schnell Füh­rungs­ver­ant­wor­tung über­nom­men, bin Ende 1996 ins EXPO Team der GTZ gewech­selt und habe 15 west- und zen­tral­afri­ka­ni­sche Län­der und 500 welt­wei­te Pro­jek­te auf die EXPO Han­no­ver beglei­tet. Danach habe ich GIZ-intern eine neue Stabs­stel­le mit­ge­grün­det und bin 2002 als Lan­des­di­rek­to­rin in die Côte d’Ivoire und spä­ter nach Bur­ki­na Faso gewech­selt. Dem folg­te ein Inlands­ein­satz, dann die Lan­des­di­rek­ti­on in Burun­di sowie – nach mei­ner offi­zi­el­len Pen­sio­nie­rung – die Inte­rims LD in Mada­gas­kar und jetzt in Kame­run.

Die GIZ hat mir also jede Men­ge beruf­li­che Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten im In- und Aus­land gebo­ten, die ich immer wie­der ger­ne genutzt habe. Bezo­gen auf den Gen­de­ras­pekt ist die GIZ mei­ner Ansicht nach gut auf­ge­stellt, denn hier erfah­ren jun­ge Frau­en (und Män­ner) durch fle­xi­ble Arbeits­zeit­mo­del­le und ande­re güns­ti­ge Rah­men­be­din­gun­gen gute Unter­stüt­zung für die eige­ne Ent­wick­lung — man muss sie halt nur ein­for­dern und darf sich nicht auf Auto­ma­tis­men ver­las­sen. Eigen­in­itia­ti­ve ist wich­tig.

 

  1. Inwie­fern ist Ihnen auf ihrem Wer­de­gang jeg­li­che Art von Dis­kri­mi­nie­rung auf Grund ihres Geschlechts begeg­net?

Ich habe mehr­fach in Län­dern mit patri­ar­cha­lisch gepräg­ten gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Struk­tu­ren die Erfah­rung gemacht, dass ich als (jun­ge) Frau in einer Füh­rungs­po­si­ti­on von den männ­li­chen Gesprächs­part­nern nicht akzep­tiert wur­de. Dies ging vom „ein­fach über mich Hin­weg­se­hen“ über die aus­schließ­li­che Anspra­che von Män­nern in der Dele­ga­ti­on, die ich lei­te­te, bis hin zu dem Ver­such, mich als Lei­te­rin von Kurz­zeit­mis­sio­nen zu dis­kre­di­tie­ren. Aller­dings konn­te ich immer gut klar­stel­len, wer wel­che Rol­le in die­sen Dele­ga­tio­nen hat­te und dass der natio­na­le Koope­ra­ti­ons­part­ner damit umge­hen muss­te. In den meis­ten Fäl­len war schließ­lich die kom­mu­ni­ka­ti­ve Ver­mitt­lung guter Arbeits­er­geb­nis­se das bes­te Argu­ment für ein posi­ti­ve­res Ver­hal­ten der Gegen­sei­te (kom­pe­ten­tes Reden über Sach­the­men hilft — manch­mal). Eine Ände­rung der dahin­ter­ste­hen­den dis­kri­mi­nie­ren­den Ein­stel­lung fand dage­gen eher nicht statt, das hat­te ich aber auch nie erwar­tet.

Direk­te sexu­el­le Beläs­ti­gung muss­te ich als Studentin/Tutorin von einem Vor­ge­setz­ten ertra­gen, und hier blieb mir als Gegen­wehr nur die Andro­hung einer Anzei­ge. Zum Glück sind die­se Zei­ten für mich lan­ge vor­bei, aber damals habe ich sehr dar­un­ter gelit­ten, dass ich als jun­ge Frau kaum Mög­lich­kei­ten hat­te, mich gegen die­se Beläs­ti­gung von Pro­fes­so­ren zu weh­ren.

 

  1. Haben Sie einen Rat­schlag für jun­ge Frau­en in der Arbeits­welt, ins­be­son­de­re im inter­na­tio­na­len Kon­text?

Kla­re Signa­le durch Kom­mu­ni­ka­ti­on

Ich den­ke, es ist wich­tig, als jun­ge Frau kla­re Signa­le zu sen­den, wo die Gren­zen für das Gegen­über sind. Sei es in Gesprä­chen, bei Dienst­rei­sen, Abend­essen etc.. Manch­mal hilft es auch, eine drit­te Per­son mit ein­zu­be­zie­hen, um even­tu­ell unan­ge­neh­men Situa­tio­nen vor­zu­beu­gen. Sach­lich­keit, Höf­lich­keit und Ein­deu­tig­keit sind hier die ent­schei­den­den Instru­men­te. Ich weiß, dass das ein­fa­cher klingt, als es zu bewerk­stel­li­gen ist (habe das ja selbst erfah­ren), aber ich bin sicher, dass das eige­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­hal­ten beim Gren­zen set­zen sehr wich­tig ist. Bei Ver­let­zung der eige­nen Pri­vat­sphä­re wür­de ich ver­mut­lich zunächst ein klä­ren­des Gespräch suchen, wenn ich mit dem Gegen­über auch in ande­ren Arbeits­kon­tex­ten zusam­men­ar­bei­ten muss. Wenn das nichts nützt, wür­de ich mich sehr schnell an den/die Vor­ge­setz­te oder ande­re Gre­mi­en wen­den, die mich unter­stüt­zen und schüt­zen kön­nen.

Bei sexu­el­ler Beläs­ti­gung ist eine rote Linie über­schrit­ten – Hil­fe holen

Bei sexu­el­ler Beläs­ti­gung, egal ob durch Arbeits­kol­le­gen oder Drit­te, wür­de ich auf das klä­ren­de Gespräch ver­zich­ten, hier wäre für mich sofort eine rote Linie über­schrit­ten. Es ist mei­ner Ansicht nach enorm wich­tig, hier nicht allein zu agie­ren, son­dern sich jeman­dem anzu­ver­trau­en.

Die GIZ bie­tet z.B. im Rah­men ihrer Bera­tungs­stel­le COPE Gesprä­che mit Psy­cho­lo­gen an, die Hil­fe leis­ten kön­nen. Wir hat­ten außer­dem in einem mei­ner letz­ten „LD“ Län­der eine „Sprech­stun­de“ bei einer Ver­trau­ens­per­son (Gen­der­be­auf­trag­ten) ein­ge­rich­tet, dort konn­ten Fäl­le der sexu­el­len Beläs­ti­gung oder Stal­king ver­trau­lich ein­ge­bracht wer­den. Die Fre­quen­tie­rung die­ser Sprech­stun­de (aller­dings auch für vie­le ande­re per­sön­li­che Pro­ble­me) hat uns gezeigt, wie wich­tig eine Anlauf­stel­le für die gesell­schaft­lich häu­fig tabui­sier­ten The­men ist.

Eige­nes Enga­ge­ment in Gre­mi­en

Ich per­sön­lich wür­de ver­su­chen, wenn mög­lich, in Gre­mi­en­ar­beit zu gehen (z.B. als Gen­der­be­auf­trag­te), denn hier fin­det Ver­net­zung qua­si „auto­ma­tisch“ statt und man/frau kann die The­men auf den Tisch brin­gen.

 

Die­ses Inter­view wur­de von Julika Häus­ling geführt.

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