Debatte: Soll der nächste UN-Generalsekretär eine Frau sein? #YourNextSG bringt ein Pro/Contra

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Es ist das ers­te Mal in der Geschich­te der Ver­ein­ten Natio­nen, das ein öffent­li­cher Nomi­nie­rungs­pro­zess der Kan­di­da­ten und Kan­di­da­tin­nen für das Amt des UN-Gene­ral­se­kre­tärs statt­fin­det. In den sozia­len Medi­en wird dar­über dis­ku­tiert, es gab öffent­li­che Anhö­run­gen, die live gestreamt wur­den und als Video zur Ver­fü­gung ste­hen. Und eine For­de­rung taucht seit­dem immer mal wie­der auf: Soll der nächs­te Gene­ral­se­kre­tär eine Sekre­tä­rin sein? #YourNextSG-Autor Tim Rich­ter hat dazu ein Pro- und Con­tra ver­fasst:

 

Pro: Für eine Frau an der Spitze der UN

Contra: Wählt den kompetentesten Kandidaten

Von 193 Staa­ten, die der­zeit den Ver­ein­ten Natio­nen ange­hö­ren, wer­den 41 von einer Bot­schaf­te­rin ver­tre­ten. Der­zeit sitzt im Sicher­heits­rat mit Saman­tha Power für die USA gar nur eine weib­li­che Bot­schaf­te­rin.

Wie soll denn über­haupt jemals eine Frau den wohl poli­tisch schwers­ten gleich­wohl wirk­mäch­tigs­ten Pos­ten der Welt­ge­mein­schaft aus­fül­len, wenn qua­si nur Män­ner wahl­be­rech­tigt sind? Klar, auch Män­ner wäh­len Frau­en, höre ich schon in der Kom­men­tar­spal­te. Nein! Die Wahr­heit ist lei­der nicht so ein­fach: es gibt so etwas wie “homo­so­zia­le Repro­duk­ti­on”. Was nichts Ande­res bedeu­tet, als dass Füh­rungs­kräf­te – die per Job-Beschrei­bung von sich und ihren Fähig­kei­ten über­zeugt sein müs­sen – im eige­nen Umfeld suchen. Sie wäh­len den­je­ni­gen aus, der so ist wie sie. Oder anders: Män­ner in Füh­rungs­po­si­tio­nen wäh­len männ­lich.

Die Ver­ein­ten Natio­nen betrei­ben eine sehr löb­li­che Arbeit und Kom­mu­ni­ka­ti­on für die Gleich­be­rech­ti­gung von Mann und Frau. Nun ist es an der Zeit, Nägel mit Köp­fen zu machen und den Lip­pen­be­kennt­nis­sen Rea­li­tä­ten fol­gen zu las­sen.

Denn: Wie glaub­wür­dig spricht eine Orga­ni­sa­ti­on von Gleich­be­rech­ti­gung, wenn 93 Pro­zent Män­ner­an­teil im Sicher­heits­rat und 72 Pro­zent in der Gene­ral­ver­samm­lung brav jähr­lich Gleich­be­rech­ti­gung for­dern. Ja, mit UN WOMAN sogar eine eige­ne Agen­tur gegrün­det haben – und am Ende alle­samt dar­an schei­tern, eine Frau auch zu wäh­len? Oder anders gefragt: wie soll­te ich hof­fen kön­nen, dass Län­der wie der Jemen, Paki­stan oder der Chad die Dis­kri­mi­nie­rung der Frau irgend­wann been­de­ten, wenn wir als Ver­ein­te Natio­nen nicht ein Bei­spiel setz­ten?

Natür­lich for­de­re ich nicht, dass unab­hän­gig von Eig­nung und Erfah­rung die erst­bes­te weib­li­che Kan­di­da­tin gewählt wer­den soll. Aber ich for­de­re die männ­li­chen Kan­di­da­ten auf, zu über­le­gen, inwie­weit sie mit ihrer eige­nen Kan­di­da­tur der Glaub­wür­dig­keit der Ver­ein­ten Natio­nen am Ende mehr scha­den denn nüt­zen. Alle Kan­di­da­ten spra­chen in den Hea­rings davon, wie wich­tig die Ver­ein­ten Natio­nen sei­en und wie ange­se­hen das Amt der Gene­ral­se­kre­tä­rin / des Gene­ral­se­kre­tärs ist – dann soll­ten sie han­deln und das über­zeu­gends­te State­ment für eine Vita­li­sie­rung der Ver­ein­ten Natio­nen set­zen: und den Platz für eine ers­te Frau an der Spit­ze frei machen.

End­lich ist der Nomi­nie­rungs­pro­zess eini­ger­ma­ßen trans­pa­rent. End­lich kann die Welt­ge­mein­schaft hof­fen, an der Wahl der Per­son, die das Amt des UN-Gene­ral­se­kre­tärs zukünf­tig aus­fül­len wird, betei­ligt zu sein.

Kaum, dass sowohl qua­li­fi­zier­te Män­ner wie Frau­en ihren Hut in den Ring gewor­fen haben, schla­gen 42 Staa­ten vor, nun­mehr allein den weib­li­chen Kan­di­da­tin­nen den Vor­tritt zu las­sen. Weil “die Zeit für eine Frau auf der höchs­ten Posi­ti­on gekom­men” sei. Über­haupt sei eine Frau nie offen in Erwä­gung gezo­gen wor­den. Stimmt! Denn es waren bis­her auch nie offe­ne Nomi­nie­run­gen. Doch ehr­lich: War­um soll eine exklu­si­ve Kon­zen­tra­ti­on auf die weib­li­chen Kan­di­da­tin­nen auto­ma­tisch und sys­te­misch fol­ge­rich­tig zu einer bes­se­ren Gleich­stel­lung von Mann und Frau füh­ren? Wenn der exklu­si­ve Kreis patri­ar­cha­li­scher Struk­tu­ren beklagt wird, stellt die genau­so exklu­si­ve Run­de nur weib­li­cher Kan­di­da­tin­nen nicht weni­ger eine Dis­kri­mi­nie­rung dar: Jener männ­li­cher Kan­di­da­ten, aber auch der Kan­di­da­tin­nen, die nicht mehr auf­grund ihrer per­sön­li­chen Eig­nung gegen­über den Kan­di­da­ten in Fra­ge kom­men, son­dern weil sie zufäl­lig zwei X-Chro­mo­so­nen ihr gene­ti­sches Eigen nen­nen dür­fen.

Das Amt des UN-Gene­ral­se­kre­tärs ist wohl eines der poli­tisch wirk­mäch­tigs­ten – und doch ohne eige­ne Macht­be­fug­nis. Was die Anfor­de­run­gen an die das Amt aus­fül­len­de Per­son so viel gewich­ti­ger macht als das ande­rer poli­ti­scher Ämter, die auf einer Macht­ba­sis ruhen: auf eine star­ke Wirt­schaft, eine gro­ße Armee oder die bes­se­re geo­po­li­ti­sche Lage oder beein­dru­cken­de pro­pa­gan­dis­ti­sche Mit­tel kann das UN-Gene­ral­se­kre­ta­ri­at nicht zurück­grei­fen. Im Gegen­teil, es muss bet­teln, damit auch alle Staa­ten ihre Zah­lungs­zu­sa­gen ein­lö­sen und dem UNHCR das Geld nicht ganz aus­geht. In einer Welt, in der die Ver­ein­ten Natio­nen ohne Zwei­fel mehr denn je benö­tigt wer­den und in glei­cher Wei­se von den sie tra­gen­den Staa­ten sträf­lich behan­delt wer­den, braucht es eine Füh­rungs­kraft mit gro­ßem Netz­werk, per­sön­li­cher Über­zeu­gungs­kraft, tie­fer Kennt­nis der welt- wie lokal­po­li­ti­schen (natio­na­len) Befind­lich­kei­ten sowie nach­ge­wie­se­nem diplo­ma­ti­schem Geschick.

Aus­schlag­ge­bend kann nur sein, wel­che Per­son in die­sem – sicher schwie­ri­gen – Amt die größt­mög­li­chen Erfol­ge für den Erhalt des Welt­frie­dens und die struk­tu­rel­le Fort­ent­wick­lung der Ver­ein­ten Natio­nen ver­spricht, und das ganz unab­hän­gig des Geschlechts.

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