Das Karussell der Kandidaten dreht sich weiter: Georgieva stellt sich Anhörung vor Generalversammlung

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Lan­ge wur­de es ver­mu­tet, letz­te Woche dann die Gewiss­heit: Die Vize-Prä­si­den­tin der EU-Kom­mis­si­on Kris­ta­li­na Geor­gie­va wur­de von Bul­ga­ri­en im schon weit vor­an­ge­schrit­ten Pro­zess um den nächs­ten UN-Gene­ral­se­kre­tär nach­no­mi­niert. Zu schlecht ste­hen die Chan­cen für Iri­na Boko­va, die bis­he­ri­ge bul­ga­ri­sche Kan­di­da­tin, die wäh­rend der Pro­be­ab­stim­mun­gen zu vie­le “dis­cou­ra­ge votes” auf sich ver­eint hat. Obwohl sich Boko­va noch ein­mal in den für Mitt­wo­ch, den 05. Okto­ber geplan­ten Pro­be­ab­stim­mun­gen prä­sen­tie­ren wird, reagier­te Geor­gie­va sofort: Sie trat einen Monat unbe­zahl­ten Urlaub an, um ihre Kam­pa­gne als neue Kan­di­da­tin in New York zu ver­fol­gen. Solan­ge wird nun der deut­sche EU-Kom­mis­s­ar Gün­ther Öttin­ger ihre Auf­ga­ben in Brüs­sel über­neh­men.

Gute Chancen für die Konservative

Wie #YourN­extSG schon früh berich­te­te, wird Geor­gie­vas Kan­di­da­tur unter ande­rem von der deut­schen Kanz­le­rin unter­stützt. Die bei­den Frau­en kom­men aus kon­ser­va­ti­ven Par­tei­en, die der Euro­päi­schen Volks­par­tei ange­hö­ren. Und die 63-jäh­ri­ge Öko­no­min hat mit ihrer Kan­di­da­tur gute Chan­cen: Sie reprä­sen­tiert Ost­eu­ro­pa, wel­ches nach dem regio­na­len Schlüs­sel an der Rei­he für den höchs­ten UN Pos­ten wäre. Außer­dem ist sie als Frau in einer guten Aus­gangs­po­si­ti­on, da die Stim­men nach einer weib­li­chen Beset­zung des nächs­ten Gene­ral­se­kre­tärs­pos­ten in den ver­gan­ge­nen Mona­ten immer lau­ter wur­den.

Geor­gie­va bringt dar­über hin­aus eine Men­ge Erfah­rung mit sich: Nach ihrem Stu­di­um ver­lies sie in den 1990er Jah­ren ihre bul­ga­ri­sche Hei­mat und arbei­te­te dann 18 Jah­re bei der Welt­bank, zuletzt als Vize­prä­si­den­tin. 2010 wur­de sie EU-Kom­mis­sa­rin für Inter­na­tio­na­le Zusam­men­ar­beit, Huma­ni­tä­re Hil­fe und Kri­sen­re­ak­ti­on. Von ehe­ma­li­gen Kol­le­gen wird sie als durch­set­zungs­fä­hig, kom­pe­tent und ziel­stre­big beschrie­ben. Sie sol­le schnel­ler als all ihre jün­ge­ren Kol­le­gen arbei­ten, wer­den ihre Mit­ar­bei­ter zitiert, außer­dem ver­fü­ge sie über jede Men­ge Ener­gie und tei­le sich ihre Res­sour­cen gut ein. Geor­gie­va betont selbst ger­ne, wel­che Manage­ment­fä­hig­kei­ten sie durch die Pos­ten in Welt­bank und EU-Kom­mis­si­on erwor­ben hat. Außer­dem ist sie welt­weit gut ver­netzt und kennt sich mit Kern­the­men der UN wie bei­spiels­wei­se Ent­wick­lungs­fi­nan­zie­rung und Reform­pro­zes­sen aus.

Öffentliche Anhörung

525418Obwohl sie erst spät in den Pro­zess der Wahl des neu­en UN-Gene­ral­se­kre­tärs ein­steigt, kann Geor­gie­va nicht vor­ge­wor­fen wer­den, sie unter­wan­de­re den so müh­sam trans­pa­ren­ter gestal­te­ten Pro­zess der Kan­di­da­ten­fin­dung. Trotz rela­tiv kur­zer Vor­be­rei­tungs­zeit stell­te sie sich schon am Mon­tag einer öffent­li­chen Anhö­rung der Gene­ral­ver­samm­lung, bei der sie ihr Leit­bild und ihre Bewer­bungs­re­de vor­trug und über zwei Stun­den von Ver­tre­tern der UN-Mit­glieds­staa­ten sowie aus der Zivil­ge­sell­schaft zu ihren Posi­tio­nen befragt wur­de.

Bei der Anhö­rung nann­te sie die drei Schwer­punkt­the­men ihrer Kan­di­da­tur: Ers­tens Frie­den und Sicher­heit, zwei­tens Ent­wick­lung, Kli­ma­wan­del und Men­schen­rech­te, sowie drit­tens die Aus­ge­stal­tung der Füh­rungs­po­si­ti­on des Gene­ral­se­kre­tärs. Geor­gie­va war gut vor­be­rei­tet, spricht eng­li­sch zwar mit Akzent, aber demons­trier­te mit Ein­wür­fen in fran­zö­si­sch und rus­si­sch, dass sie meh­re­re UN-Amts­spra­chen flie­ßend beherrscht. Sie mach­te einen sehr authen­ti­schen Ein­druck, benutz­te figu­ra­ti­ve Spra­che und auch Sprich­wör­ter, um ihren Stand­punkt zu ver­deut­li­chen. Sie beton­te, dass Trans­pa­renz und Offen­heit ihre gesam­te Kar­rie­re defi­niert hät­ten. Durch ihre lang­jäh­ri­ge Erfah­rung in inter­na­tio­na­len Insti­tu­tio­nen ken­ne sie sich mit den wich­tigs­ten Punk­ten der UN Agen­da bes­tens aus, sei­en es The­men wie Kon­flikt und Fra­gi­li­tät, Ent­wick­lungs­fi­nan­zie­rung, Unge­rech­tig­keit, Kli­ma­wan­del, oder Migra­ti­ons­strö­me.

Hohe Führungs- und Lösungskompetenz

Es spre­che für sie als Kan­di­da­tin, dass sie kom­ple­xe The­men gut ana­ly­sie­re und so auf­be­rei­ten, dass sie pass­ge­naue Lösun­gen für die Pro­ble­me ent­wi­ckeln kön­ne. Sie besä­ße das diplo­ma­ti­sche Geschick, auch diver­gie­ren­de Posi­tio­nen zu einem Kon­sens zu brin­gen und sei im Lau­fe ihrer insti­tu­tio­nel­len Kar­rie­re beson­ders erfolg­reich in der Umset­zung von Reform­pro­zes­sen gewe­sen. Unter ande­rem habe sie wäh­rend ihrer Zeit in der EU-Kom­mis­si­on die Zahl der Frau­en in Füh­rungs­po­si­tio­nen ver­dop­peln kön­nen.

Das Jahr 2015 sei für vie­le inter­na­tio­na­le Pro­zes­se ent­schei­dend gewe­sen und der nächs­te Gene­ral­se­kre­tär müs­se die Errun­gen­schaf­ten von New York, Paris, Addis Abe­ba und Sen­dai nun imple­men­tie­ren. Geor­gie­va wie­der­hol­te, sie arbei­te in hohem Maße lösungs­ori­en­tiert und es sei ihre Prio­ri­tät, die Agen­da 2030 durch die UN-Orga­ni­sa­tio­nen und Mit­glieds­staa­ten umzu­set­zen: „I will lea­ve no sto­ne untur­ned“. In den ers­ten 90 Tagen ihrer Amts­zeit wol­le sie sich mit Regio­nal­or­ga­ni­sa­tio­nen tref­fen, um das Vor­ge­hen gen­au abzu­stim­men.

528474Geor­gie­va ver­such­te, kei­ne Fra­ge wäh­rend der Anhö­rung unbe­ant­wor­tet zu las­sen. Sie war sich sicher, vie­le finan­zi­el­le Res­sour­cen für die UN mobi­li­sie­ren zu kön­nen, indem sie die Welt­or­ga­ni­sa­ti­on dazu bringt, die Ver­wen­dung der Mit­tel so offen­zu­le­gen, dass Effi­zi­enz und Effek­ti­vi­tät ihrer Ver­wen­dung demons­triert wer­de. Dar­in sei sie schließ­li­ch Exper­te. Ins­ge­samt ver­stün­de sie ihren Job als Gene­ral­se­kre­tä­rin dar­in, die UN-Char­ter genau­es­tens umsetz­ten und für fai­re geo­gra­phi­sche Reprä­sen­tie­rung sowie einem hohen Frau­en­an­teil zu sor­gen.

Zu gesell­schaft­li­chen Pro­ble­men wie der Jugend­ar­beits­lo­sig­keit in Afri­ka stell­te sie Maß­nah­men für mehr Bil­dung und Beschäf­ti­gung vor. Bei The­men des peace­buil­ding und der inter­na­tio­na­len Sicher­heit wirk­te sie jedoch weni­ger kennt­nis­reich, wie­der­hol­te mehr­fach ledig­li­ch, dass eine Stand­by Force benö­tigt sei, um schnel­ler inter­ve­nie­ren zu kön­nen. Geor­gie­va prä­sen­tier­te gute Ant­wor­ten zu den The­men­kom­ple­xen Manage­ment und Refor­men sowie Ent­wick­lungs­fi­nan­zie­rung und Umset­zung der Agen­den, beant­wor­te­te Fra­gen zur Rol­le der UN bei der Bekämp­fung von inter­na­tio­na­lem Ter­ro­ris­mus jedoch unge­nü­gend und for­mu­lier­te auch die Ant­wor­ten auf Fra­gen nach der Situa­ti­on in der Ukrai­ne und der Rol­le Paläs­ti­nas nur sehr vage.

Our problem in the world today is that goodness is quiet”

Die Bul­ga­rin schloss ihr Plä­doy­er mit den Wor­t­en: „Our pro­blem in the world today is that good­ness is quiet. Hate is very loud, we can hear it ever­yw­he­re. If I were Secreta­ry Gene­ral, my job is to ampli­fy this good­ness“. Sie schien den Groß­teil der Gesprächs­teil­neh­mer und der inter­na­tio­na­len Kom­men­ta­to­ren über­zeugt zu haben. Sicher­li­ch ist sie eine gute Kan­di­da­tin für Kern­the­men wie Ent­wick­lung und inter­na­tio­na­le Pro­zes­se. In The­men der inter­na­tio­na­len Sicher­heit, wie robus­tes Peace­ke­eping oder genaue­re Spe­zi­fi­ka wie Cyber­the­men müss­te sie sich aller­dings erst genau­er ein­ar­bei­ten.

Lakmustest: Probeabstimmung

Am Diens­tag wird Kris­ta­li­na Geor­gie­va hin­ter ver­schlos­se­nen Türen mit dem Sicher­heits­rat zusam­men­kom­men. Für Mitt­wo­ch ist die nächs­te Pro­be­ab­stim­mung geplant, wel­che die­ses Mal rich­tungs­wei­send wird: Die stän­di­gen Sicher­heits­rats­mit­glie­der wer­den far­bi­ge Stimm­kar­ten benut­zen müs­sen, um deut­li­ch zu machen, wel­che Kan­di­da­tu­ren durch ein Veto bedroht sind. Dann wird sich auch her­aus­stel­len, wel­che Chan­cen Geor­gie­va wirk­li­ch hat. Bis­her scheint Guter­res ihr größ­ter Her­aus­for­de­rer, doch das könn­te ab Mitt­wo­ch wie­der ganz anders aus­se­hen. Auch Helen Clark beton­te am Mon­tag, dass sie sich nicht so schnell aus dem Ren­nen um das Amt ver­ab­schie­den wer­de. Sie beton­te in die­sem Zusam­men­hang, für das Amt des Gene­ral­se­kre­tärs wür­den eher erfah­re­ne Poli­ti­kent­schei­der statt Tech­no­kra­ten benö­tigt.

Es bleibt somit wei­ter abzu­war­ten, ob Gün­ther Öttin­ger noch län­ger für Geor­gie­va in Brüs­sel ein­sprin­gen muss und ob die Welt­or­ga­ni­sa­ti­on bald eine Frau an der Spit­ze haben wird.

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