Als Linke Frau im UN-System — #GenderAKtion Interview mit Gabriele Köhler

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Nach mehr als 30 Jah­ren Berufs­er­fah­rung bei der UNO zieht Gabrie­le Köh­ler, Vor­stands- und Ehren­mit­glied des Gen­derAKs der DGVN, ein Resü­mee von Gen­der­ge­rech­tig­keit in der Arbeits­welt. Als Frau mit einer Ten­denz zu apo­dik­ti­schen poli­ti­schen Posi­tio­nen wider­fuhr ihr dabei dop­pel­te Dis­kri­mi­nie­rung. War­um sie nicht nach Ban­gla­desh und Paki­stan rei­sen durf­te und war­um frau öfters stra­te­gisch Mit­tag essen soll­te, könnt ihr unse­rem letz­ten Inter­view des Jah­res ent­neh­men.

 

  1. Bit­te stel­len Sie sich kurz vor und beschrei­ben Sie Ihre aktu­el­le Tätig­keit.
Der Gen­derAK inklu­si­ve Gabrie­le Köl­ner bei der Mit­glie­der­ver­samm­lung im Herbst 2017

Ich woh­ne in Mün­chen und befas­se mich seit 30 Jah­ren mit der UNO. Seit mei­ner Pen­sio­nie­rung 2010 arbei­te ich frei­be­ruf­lich wei­ter im Grun­de in den glei­chen Arbeits­fel­dern, in denen ich vor­her bei der UNO tätig war. Ich bin Vor­stands­mit­glied der DGVN und der ‘Women Enga­ge for a Com­mon future’. Außer­dem bin ich Teil des Wis­sen­schafts­bei­ra­tes beim UN Rese­arch for Soci­al Deve­lop­ment (UNRISD).

 

  1. Könn­ten Sie Ihren Aus­bil­dungs- und Kar­rie­re­weg kurz beschrei­ben? 

Ich habe in den frü­hen 1970er Jah­ren in Tübin­gen, Mün­chen und Regens­burg Volks­wirt­schaft stu­diert, aus Neu­gier, wie die Wirt­schaft funk­tio­niert, also weni­ger mit einem spä­te­ren Berufs­feld im Kopf. Damals hat­ten Kin­der des Bil­dungs­bür­ger­tums das Pri­vi­leg, ein­fach drauf los­zu­stu­die­ren, um sich eben zu „bil­den“. Was für mich sehr prä­gend war, waren die Jah­re in Regens­burg. Damals gab es sehr jun­ge, sehr links- bzw. SPD-ori­en­tier­te Pro­fes­so­ren, die Fächer wie Ent­wick­lungs­po­li­tik oder Indus­tria­li­sie­rungs­ge­schich­te der Bun­des­re­pu­blik ange­bo­ten haben. Damit war das Stu­di­um dann schon auch anwen­dungs­ori­en­tiert. Danach war ich eini­ge Jah­re wis­sen­schaft­li­che Assis­ten­tin an einer damals neu gegrün­de­ten Uni­ver­si­tät, der Gesamt­hoch­schu­le Wup­per­tal, wo wir ver­such­ten, Volks­wirt­schaft, Betriebs­wirt­schaft und Sozio­lo­gie zusam­men­zu­den­ken. Auch das war eine anwen­dungs­ori­en­tier­te Form des Unter­rich­tens. Dann bin ich auf eine Aus­schrei­bung der Ver­ein­ten Natio­nen gesto­ßen und habe mein Glück ver­sucht – und gefun­den.
Ich war lan­ge in der Regio­nal­kom­mis­si­on Wirt­schaft und Sozia­les in Asi­en und Pazi­fik (UN ESCAP, Bang­kok) tätig. Danach war ich bei der UN Han­dels­or­ga­ni­sa­ti­on UNCTAD in Genf, das ist das Pen­dant zur WTOUNCTAD ver­sucht, die han­dels- und ent­wick­lungs­po­li­ti­schen Inter­es­sen der Ent­wick­lungs­län­der zu ana­ly­sie­ren und zu ver­tre­ten. Zwei Jah­re lang hab ich das UN-Büro in Lett­land gelei­tet, und gehol­fen, Pro­gram­me in Berei­chen wie Men­schen­rech­te und Jus­tiz­re­form, Umwelt­po­li­tik, Jugend­po­li­tik, HIV-Aids-Prä­ven­ti­on u.a., die ver­schie­de­ne UN-Orga­ni­sa­tio­nen nach Lett­lands Unab­hän­gig­keit unter­stützt hat­ten, voll­stän­dig an die zustän­di­gen Minis­te­ri­en zurück­zu­ge­ben und die UN-Prä­senz im Land „abzu­wick­len“. Danach war ich in acht Län­dern Süd­asi­ens für UNICEF auf dem Gebiet Wirt­schafts- und Sozi­al­po­li­tik tätig.

 

  1. Inwie­fern ist Ihnen auf Ihrem Kar­rie­re­weg jeg­li­che Art von Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund Ihres Geschlech­tes begeg­net?

Ich sehe das auf meh­re­ren Ebe­nen. Mir ist öfters pas­siert, dass, wenn ich beför­dert wur­de, männ­li­che Mit­be­wer­ber kom­men­tiert haben, dass ich den Pos­ten nur bekom­men hät­te, weil ich eine Frau bin. Das hat mich scho­ckiert und auch ver­letzt.

Als Frau bei den Ver­ein­ten Natio­nen wird man oft pater­na­lis­tisch behan­delt. Zum Bei­spiel wur­de ich in mei­ner Zeit bei der Regio­nal­kom­mis­si­on Wirt­schaft und Sozia­les für Asi­en und den Pazi­fik als Frau nicht auf Dienst­rei­sen in Län­der wie Paki­stan oder Ban­gla­desch geschickt. Ich weiß nicht, ob die Chefs — damals gab es noch kaum Che­fin­nen – dies aus einer väter­li­chen, nett-gemein­ten Für­sorg­lich­keit um mich als Per­son ent­schie­den haben, wegen der Frau­en­feind­lich­keit in jenen Län­dern; oder aus poli­ti­schen Grün­den — weil ein männ­li­cher Kol­le­ge womög­lich bes­se­res Gehör für unse­re Pro­gramm­vor­schlä­ge bei den männ­li­chen, patri­ar­cha­li­schen Gesprächs­part­nern fin­den wür­de; oder ob es sich dabei um bewuss­te Aus­gren­zung han­del­te.

Das war in den 80er Jah­ren, als die­se Regio­nal­kom­mis­si­on stark süd­asia­tisch und damit extrem hier­ar­chisch und sexis­tisch geprägt war. Ich den­ke, dass sich die Lage in die­ser UN-Behör­de inzwi­schen ver­än­dert hat.

Gut ist, dass bei der UN nicht nur das Bewusst­sein um, son­dern auch ein Anspruch auf Gen­der­ge­rech­tig­keit, erkämpft wor­den ist, von Frau­en inner­halb der Orga­ni­sa­ti­on, von der Zivil­ge­sell­schaft, und natür­lich auch von Insti­tu­tio­nen wie UNIFEM und der Frau­engleich­stel­lungs­stel­le, die inzwi­schen als UN Women zusam­men­ge­führt gewor­den sind. Es gibt neu­er­dings auch das Ver­spre­chen, dass bis 2020 vol­le Pari­tät auf der Ebe­ne der stell­ver­ten­den Gene­ral­se­krä­re erreicht wer­den soll.

Es wird in UN-Tex­ten und Beschlüs­sen fast durch­ge­hend gegen­dert wird. So ver­wen­det man zumeist bei­de Per­so­nal­pro­no­mi­na: he/she. Oder man wech­selt es ab: in einem Satz wird dann she ver­wen­det, im nächs­ten wie­der he. Im Eng­li­schen ist das ein biss­chen leich­ter als bei­spiels­wei­se im Fran­zö­si­schen oder Deut­schen, deu­tet aber schon auch auf eine auf­ge­klär­te oder auf­klä­ren­de Sicht­wei­se hin.

Für mich geht es aber nicht nur um die Gleich­stel­lung von Frau­en und Män­nern in Bezug auf die glei­chen beruf­li­chen Pro­fi­lie­rungs­mög­lich­kei­ten, son­dern vor allem um die Inhal­te. Obwohl in den letz­ten 10 Jah­ren vie­le Frau­en Füh­rungs­po­si­tio­nen ergrif­fen haben, ver­tre­ten sie nicht a prio­ri gen­der-sen­si­ti­ve Posi­tio­nen. Des­halb ist für mich vor­ran­gig, was die Frau oder der Mann in der Füh­rungs­po­si­ti­on an Inhal­ten ver­tritt. Über­ra­schend ist, dass Män­ner da durch­aus – kurz­fris­tig gedacht – manch­mal effek­ti­ver sein kön­nen, neue, gen­der­ge­rech­te Poli­tik­mass­nah­men durch­zu­set­zen. Einer Frau könn­te man näm­lich vor­wer­fen, dass sie bestimm­te Inhal­te nur ver­tritt, um ihre eige­nen Inter­es­sen durch­zu­set­zen, und Frau­en in Füh­rungs­po­si­tio­nen neh­men sich manch­mal bewusst zurück. Es gibt ja nicht auto­ma­tisch eine Kor­re­la­ti­on zwi­schen dem Geschlecht und einer pro­gres­si­ven Ein­stel­lung. Wenn wir z. B. die Bun­des­kanz­le­rin anschau­en oder Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May in Eng­land, fällt ins Auge, dass die­se eher kei­ne frau­en­po­li­tisch pro­gres­si­ven Posi­tio­nen ver­tre­ten, son­dern die Aus­te­ri­täts­po­li­tik und kli­ma­schäd­li­che Ent­schei­dun­gen pushen.

Ich den­ke, ich wur­de in mei­ner UN-Tätig­keit manch­mal dis­kri­mi­niert, nicht weil ich eine Frau bin, son­dern weil ich offen­siv men­schen­rechts­ori­en­tier­te, oder umwelt­freund­li­che, oder lin­ke Ide­en oder Mei­nun­gen ver­tre­ten habe. Dann schlu­gen mir Kom­men­ta­re ent­ge­gen, dass ich zu radi­kal oder zu apo­dik­tisch sei, oder die Fra­ge­stel­lung nicht in das Man­dat der Orga­ni­sa­ti­on gehö­re. Die Kon­stel­la­ti­on war schon öfters, dass ich nicht unbe­dingt dem Main­stream gefolgt bin, die UNO aber radi­ka­le Posi­tio­nen lie­ber ver­mei­det und sich grund­sätz­lich diplo­ma­tisch und „neu­tral“ zu ver­hal­ten ver­sucht.

 

  1. Wel­che Rat­schlä­ge haben Sie für jun­ge Frau­en in der Arbeits­welt?

Ich glau­be es ist zunächst ein­mal wich­tig zu wis­sen, wie man über­haupt in das UN-Sys­tem hin­ein­kommt. Dafür soll­te man bestimm­te Stu­di­en­gän­ge wäh­len, und es hilft, an bestimm­ten Uni­ver­si­tä­ten stu­diert zu haben. Auch infor­mel­le Netz­wer­ke spie­len eine Rol­le. Wich­tig sind auch Sprach­kennt­nis­se, um spä­ter in min­des­tens zwei der UN-Spra­chen arbei­ten zu kön­nen. Man muss sich auch inten­siv mit den jewei­li­gen Bewer­bungs­pro­ze­de­ren aus­ein­an­der­set­zen: So schreibt das UN-Sekre­ta­ri­at Posi­tio­nen direkt nach einem Län­der­quo­ten­sys­tem aus; es funk­tio­niert nach einem Schlüs­sel aus Mit­glied­bei­trä­gen und Mit­glie­der­zah­len des jewei­li­gen UN-Mit­glieds­staa­tes. Wenn gera­de ein Schwung jun­ger Men­schen aus einem Land ange­stellt wor­den ist, kann es auch meh­re­re Jah­re lang kei­ne Aus­schrei­bung für Kan­di­da­tIn­nen aus dem Land geben; umge­kehrt gibt es manch­mal ein Schub an Pen­sio­nie­run­gen, so dass meh­re­re Stel­len neu aus­ge­schrie­ben wer­den. Die Son­der­or­ga­ni­sa­tio­nen haben eige­ne Bewer­bungs­ver­fah­ren, mit vie­len „Young Pro­fes­sio­nals“- Pro­gram­me, die inter­es­sant sind, weil man in ihnen viel bes­ser rotiert als im UN Sekre­ta­ri­at. Wich­tig ist, genau zu schau­en, auf wel­chem Stel­len­ni­veau ein­ge­stellt wird, und zu ver­han­deln, damit die Stel­le auch den vor­han­de­nen Qua­li­fi­ka­tio­nen und Kom­pe­ten­zen ent­spricht, denn die Pro­gres­si­on von Ein­gangs­stu­fe (P2) zur Direk­to­ren­stu­fe ist lang und zäh!

Es gibt bei der UN kei­ne Frau­en­quo­te bei Ein­stel­lun­gen. Da aber Frau­en an den Hoch­schu­len meist bes­ser abschlie­ßen, gibt es inzwi­schen oft mehr Frau­en in den Ein­gangs­stu­fen (P2 und P3). Danach setzt aber lei­der der „Glass ceiling“-Effekt ein – so wie auch in Wis­sen­schaft und frei­er Wirt­schaft. Dies zeigt sich dann bei der Ana­ly­se einer Kohor­te, wenn dann 5 Jah­re spä­ter eher die Män­ner in die nächs­te Ver­ant­wor­tungs­stu­fe auf­ge­stie­gen sind, obwohl über­pro­por­tio­nal vie­le Frau­en im Ein­stiegs­le­vel waren.

Eigent­lich gibt es bei der UN den Pas­sus, dass bei glei­cher Qua­li­fi­zie­rung die weib­li­che Kan­di­da­tin beför­dert wer­den muss. Dann greift aber lei­der die Pro­ble­ma­tik, dass ‘Qua­li­fi­zie­rung’ ein wachs­wei­cher Begriff ist. Somit zäh­len nicht nur Abschluss­no­te, Arbeits­er­fah­rung und beruf­li­che Errun­gen­schaf­ten, son­dern auch ande­re Kri­te­ri­en. Der Pas­sus lässt sich somit rela­tiv leicht aus­he­beln. Frau­en sei es des­halb ange­ra­ten, in die Beför­de­rungs­kom­mis­sio­nen der UNO zu gehen, um von Ihrem Mit­spra­che­recht Gebrauch zu machen. Auch soll­ten sie mit den Frau­en­be­auf­trag­ten spre­chen und sich kar­rie­r­etak­tisch bera­ten las­sen.
Was Män­ner, glau­be ich – ein­fach weil sie es seit Jahr­hun­der­ten machen – bes­ser kön­nen, ist Net­wor­king. Frau­en sind manch­mal zu absor­biert von der Arbeit – sie kni­en sich wirk­lich hin­ein und arbei­ten sehr inten­siv an ihren The­men; oft über­neh­men sie ja auch nach wie vor die Haupt­ver­ant­wor­tung für die Sor­ge­ar­beit in der Fami­lie oder ihrer com­mu­ni­ty. Sie wid­men als Fol­ge dem Net­wor­king zu wenig Zeit – zum Bei­spiel mit stra­te­gisch wich­ti­gen Per­so­nen Essen zu gehen, Mit­glied in Clubs zu sein, sich in einer Kir­che oder einem Sport­ver­ein enga­gie­ren. Wenn frau sich Berufs­ver­läu­fe von soge­nann­ten erfolg­rei­chen Men­schen anschaut, zeigt sich immer wie­der, dass die­se oft einer pri­vi­le­gier­ten Min­der­heit ange­hö­ren. So unter­stüt­zen sich bei­spiels­wei­se Men­schen aus der glei­chen Kon­fes­si­on inter­na­tio­nal gegen­sei­tig, oder Leu­te aus der sel­ben Alma Ata — man­che der pro­mi­nen­ten Uni­ver­si­tä­ten pfle­gen Alum­nae- und Alum­ni-grup­pen. Bei Beför­de­run­gen spie­len sol­che Ver­net­zun­gen und Kon­tak­te unsicht­bar eine gros­se Rol­le. Wir Frau­en müs­sen also ler­nen zu schau­en, wel­che Iden­ti­täts­fak­to­ren wir neben unse­rem Frau­sein aus­schöp­fen kön­nen.
Gut sind auch die Men­to­ring-Pro­gram­me, die es inzwi­schen über­all gibt. Die­se soll­te frau ent­we­der nut­zen, sofern vor­han­den, oder aber ein­fach selbst auf­bau­en.

Wer zur UNO geht, muss aber vor allem von einem Gerech­tig­keits­sinn getrie­ben sein, vom Bestre­ben, Umwelt­ge­rech­tig­keit und Gleich­be­rech­ti­gung für Frau­en und Män­ner und benach­tei­lig­te Grup­pen durch­zu­set­zen. Wem die­se Lei­den­schaft fehlt und wer die UNO nur als einen von vie­len mög­li­chen inter­na­tio­na­len Kar­rie­re­pfa­den wählt, wird nicht glück­lich wer­den. Wer zur UNO geht, soll­te wirk­lich etwas zur Ver­än­de­rung der Welt zu sagen und bei­zu­tra­gen haben. Es gibt ja zyni­sche Stim­men in Bezug auf die Ver­ein­ten Natio­nen, dass sie ihre Zie­le nicht errei­che. Die haben zum Teil recht, und des­we­gen ist es so wich­tig, dass beseel­te Men­schen – und vie­le vie­le Frau­en – bei der UN arbei­ten.

 

Der Gen­derAK unter­stützt mit dem Cha­ri­ty Arm­band sowohl die kenia­ni­schen Kunst­hand­wer­ke­rin­nen als auch die Arbeit des UN Trust Fund to End Vio­lence against Women #oran­ge­the­world

 

Die­ses Inter­view wur­de geführt von Hele­na Kieß und Shi­la Block.

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