Aktiv Vorbilder suchen — Im Interview mit dgvn Generalsekretärin Lisa Heemann

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Schul­mäd­chen, Mut­ter, Füh­rungs­po­si­ti­on — Lisa Heemann spricht dar­über, wie tief Geschlech­ter­rol­len in unse­rer Gesell­schaft ver­an­kert sind und wie oft sie uns unbe­wusst in bestimm­te Ver­hal­tens­mus­ter drü­cken. Des­we­gen sei es wich­tig, sich immer wie­der selbst zu fra­gen, wer man sein möch­te und wie man zu die­ser Per­son wer­den kann.
Die­sen Monat im Inter­view mit der Gene­ral­se­kre­tä­rin der Deut­schen Gesell­schaft für die Ver­ein­ten Natio­nen e.V., in des­sen Rah­men sich unser Arbeits­kreis für Gen­der­ge­rech­tig­keit gegrün­det hat.

 

  1. Bit­ten stel­len Sie sich kurz vor und beschrei­ben Sie Ihre der­zei­ti­ge Tätig­keit.

Mein Name ist Lisa Heemann, ich bin Gene­ral­se­kre­tä­rin der Deut­schen Gesell­schaft für die Ver­ein­ten Natio­nen e.V. (kurz DGVN). Die DGVN macht Bil­dungs­ar­beit, poli­ti­sche Arbeit und all­ge­mei­ne Öffent­lich­keits­ar­beit für die Zie­le und Anlie­gen der Ver­ein­ten Natio­nen. Wir arbei­ten inten­siv in den ver­schie­de­nen Berei­chen und machen ver­schie­de­ne Pro­gram­me und Maß­nah­men dazu. Der Vor­stand ent­schei­det über die lang­fris­ti­gen Stra­te­gie, trifft grund­sätz­li­che Ent­schei­dun­gen und setzt den Rah­men für die Pro­jek­te und Maß­nah­men, die wir hier im Gene­ral­se­kre­ta­ri­at umset­zen. Ich bin als Gene­ral­se­kre­tä­rin für die neun fes­ten Mitarbeiter*innen ver­ant­wort­lich, ich lei­te das Gene­ral­se­kre­ta­ri­at und koor­di­nie­re damit die kon­kre­ten Pro­jek­te und Maß­nah­men, die wir hier umset­zen.

 

  1.  Könn­ten Sie Ihren Aus­bil­dungs- und Kar­rie­re­weg kurz beschrei­ben?

Ich habe Afri­ka­wis­sen­schaf­ten mit den Neben­fä­chern Recht und Geschich­te stu­diert. Ich war wäh­rend mei­nes Stu­di­ums viel in Afri­ka, vor allem in Ost­afri­ka, weil das mit der Spra­che ver­bun­den war, Swa­hi­li, die man dort spricht und die ich gelernt habe. Im Rah­men mei­ner Pro­mo­ti­on war ich dann ich in Süd­afri­ka, in Gha­na und Ugan­da. Danach habe ich der Wis­sen­schaft erst­mal den Rücken gekehrt und bin im Rah­men des Car­lo-Schmidt-Pro­gramm zum UNCHR nach Genf gegan­gen. Das Car­lo-Schmidt-Pro­gramm ist ein Pro­gramm, das sich zum Ziel gesetzt hat, jun­ge Deut­schen (und teil­wei­se auch ande­ren) ers­te Erfah­run­gen und einen beruf­li­chen Ein­stieg in Inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen zu ermög­li­chen. Das ist ein Prak­ti­kums­pro­gramm, das man nach dem ers­ten Stu­di­en­ab­schluss oder wäh­rend des Stu­di­ums schon machen kann. Man absol­viert es meis­tens über 6 Mona­te in Inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen. Man kann sich um kon­kre­te Prak­ti­kums­stel­len bewer­ben oder hat sogar selbst einen Prak­ti­kums­platz gefun­den und bewirbt sich dann in einer eige­nen Linie dar­auf, ein hal­bes Jahr geför­dert zu wer­den. Es ist ein ganz tol­les Pro­gramm, dass ganz vie­le Leu­te zusam­men­bringt, die sich für die­se The­men inter­es­sie­ren. Es bie­tet eine rie­si­ge Band­brei­te an unter­schied­li­chen Mög­lich­kei­ten, von allen UN-Orga­ni­sa­tio­nen, zum Teil auch in Zivil­ge­sell­schaf­ten. Von Genf über New York über all die Field Mis­si­ons, die es so geben kann. Ganz vie­le tol­le Ange­bo­te. Für alle, die sich für inter­na­tio­na­le Poli­tik inter­es­sie­ren, bie­tet es einen tol­len Ein­stieg, weil sich dar­aus bei mir ein sehr net­tes Netz­werk gebil­det hat. Bis heu­te kann ich mich mit vie­len, die sich für The­men inter­es­sie­ren, die mir auch wich­tig sind, dar­über aus­tau­schen, was sie machen.

Von da aus bin ich dann eini­ge Jah­re bei der Robert Bosch Stif­tung im Bereich Völ­ker­ver­stän­di­gung gear­bei­tet, bis ich mich dann ent­schlos­sen habe, das mit Afri­ka und dem Recht wie­der auf­zu­neh­men und habe pro­mo­viert. Dann bin ich nach Afri­ka gegan­gen um zu for­schen und habe dort Feld­for­schung zum The­ma “Recht in Afri­ka” betrie­ben mit einem Bezug auch dar­auf, wie sich Frau­en in tra­di­tio­nel­len Struk­tu­ren ein­brin­gen kön­nen, wel­che Rech­te auf poli­ti­sche Par­ti­zi­pa­ti­on, Zugang zu Land und kul­tu­rel­le Mit­be­stim­mung sie dort haben. Nach mei­ner Rück­kehr habe ich auch in Gie­ßen an der Uni noch in einem DFG-For­schungs­pro­jekt zur Ver­fas­sungs­ge­richts­bar­keit in West­afri­ka gear­bei­tet, bis ich dann 2016 hier bei der DGVN ange­fan­gen habe, als Gene­ral­se­kre­tä­rin.

 

  1.  Inwie­fern ist Ihnen auf ihrem Wer­de­gang jeg­li­che Art von Dis­kri­mi­nie­rung auf Grund ihres Geschlechts begeg­net?

Das fin­de ich eine ganz schwe­re Fra­ge. Ich glau­be das letz­te Mal, dass ich kon­kret das Gefühl hat­te, dass ich in einer sehr kon­kre­ten Situa­ti­on gera­de auf­grund mei­nes Geschlechts dis­kri­mi­niert wer­de, war im Mathe- und Phy­sik­un­ter­richt — also sehr lan­ge her in der Schul­zeit, dass ich das wirk­lich so zu spü­ren bekom­men habe. Das war so: “Mäd­chen, du hast gera­de schnel­ler als die Jun­gen eine Lösung gefun­den, da stimmt etwas nicht.” Das war damals schon etwas, das mich sehr , sehr geär­gert hat. Aber das habe ich so in dem Sin­ne nicht mehr erlebt. Ich glau­be das ver­än­dert sich dann im Lau­fe der Zeit, dass man dann einen ande­ren Blick dafür kriegt, wo Frau­en und Män­ner sich anders geben, anders wahr­ge­nom­men wer­den und ande­re Mög­lich­kei­ten haben. Ich fin­de das ist so ganz klas­sisch im Stu­di­um, dass man merkt, dass man sich unter­schied­lich prä­sen­tiert, dass Frau­en und Män­ner das unter­schied­lich ange­hen und unter­schied­lich stark auch an den Din­gen zwei­feln.

Nach dem Stu­di­um kam dann noch ein ande­rer Aspekt hin­zu. Für mich war immer klar, dass ich in einem inter­na­tio­na­len Kon­text arbei­ten und selbst­ver­ständ­lich auch län­ge­re Zeit im Aus­land ver­brin­gen möch­te. Nach und nach wur­de mir gera­de in der Zeit beim UNHCR bewusst, dass das Rota­ti­ons­prin­zip dort ins­be­son­de­re für Frau­en ein Pro­blem sein kann und oft Abstri­che beim Fami­li­en­le­ben bedeu­tet. Mir fehl­ten da in die­sem Umfeld damals tat­säch­lich Vor­bil­der – Frau­en zwi­schen 40 und 50, die glück­lich mit ihrer Lebens­si­tua­ti­on und mit dem Umgang mit häu­fi­gen Orts­wech­seln und oft getrenn­ten Fami­li­en waren. Ich mein­te, da viel Frust zu ver­spü­ren. Das hat einen star­ken Ein­druck auf mich gemacht und mei­ne nächs­ten Ent­schei­dun­gen beein­flusst – für eine Stel­le bei der Robert Bosch Stif­tung in Deutsch­land und gegen das Ange­bot in Libe­ria „im Feld“ zu arbei­ten. Da hät­te ich mir viel­leicht Vor­bil­der, die es natür­lich gibt, suchen sol­len. Das hät­te mir gehol­fen.

Ganz inter­es­sant wird es dann aber, wenn Kin­der ins Spiel kom­men. Das bedeu­tet ers­tens, dass inter­na­tio­na­les Arbei­ten eine noch grö­ße­re Her­aus­for­de­rung wird, weil sich nicht unbe­dingt an jedem Ort für bei­de Part­ner ein glei­cher­ma­ßen inter­es­san­ter Job fin­den lässt. Und schon gar nicht immer wie­der aufs Neue. Zwei­tens ist die Mut­ter­rol­le schon spe­zi­ell, beson­ders in Deutsch­land. Ich habe zwei Kin­der und damit hat für mich die Pha­se ange­fan­gen, in der ich das Gefühl habe, dass man am meis­ten damit zu kämp­fen hat, alte Rol­len zu über­win­den. Das ist viel Arbeit und viel Aus­ein­an­der­set­zung mit sich selbst. Wenn man selbst Mut­ter­bil­der mit­bringt und sich dann über­le­gen muss, wie gehe ich damit um: möch­te ich so eine Mut­ter sein? Kann ich so eine Mut­ter sein?

Aber man setzt sich natür­lich in der Fami­lie mit dem Part­ner und dem wei­te­ren Umfeld aus­ein­an­der. Mir war klar, dass ich wei­ter­hin voll arbei­ten möch­te, wuss­te aber über­haupt nicht, wie das funk­tio­nie­ren soll­te. Ich hat­te vor­her nur das Gefühl, dass ich furcht­bar ger­ne arbei­te und auch mit Kin­dern voll arbei­ten möch­te. Ich hab dann gemerkt, dass es gar nicht so vie­le Leu­te in mei­nem Umfeld gibt, die das so machen. Ich kann­te nicht vie­le Frau­en, die mit klei­nen Kin­dern voll arbei­ten und hab dann danach gesucht um eine Vor­stel­lung davon zu krie­gen, was das eigent­lich heißt. Wenn man sucht, fin­det man die natür­lich auch. Es ist unglaub­lich gut, sich da Vor­bil­der zu suchen. Da muss man sich dann natür­lich auch über­le­gen, ob man bereit ist, das aus­zu­hal­ten, wenn ich dann auf der ande­ren Sei­te nicht die bes­te Mut­ter der Welt bin, nach bestimm­ten Vor­stel­lun­gen. Das sind Din­ge, die man dann eben mit dem Part­ner klä­ren muss. Da geht es zum Bei­spiel dar­um, wel­che Geschen­ke Kin­der zum Kin­der­ge­burts­tag mit­brin­gen. Wenn man mal drauf ach­tet, muss man fest­stel­len, dass es immer noch so ist, dass es die Müt­ter sind, die sich dar­um küm­mern, dass da ein Geschenk mit­ge­bracht wird. Das kos­tet Zeit und man muss irgend­wann in einer Fami­lie mal über­le­gen, wie man all die­se klei­nen Auf­ga­ben ver­teilt.

Ich glau­be, mit den Kin­dern leben wir unglaub­li­che Pri­vi­le­gi­en. Das ergibt sich schon dar­aus, dass es hier in Ber­lin einen KiTa-Platz ohne Pro­ble­me dann doch gibt. Das ist ja schon mal die gro­ße Vor­aus­set­zung, damit das über­haupt so auf­zu­bau­en ist, dass bei­de arbei­ten. Das nächs­te Glück, das wir in sicher haben, ist dass wir kei­nen Schicht­dienst leis­ten müs­sen oder ein­fach star­re Arbeits­zei­ten, was all das sehr viel schwe­rer machen wür­de. Außer­dem haben wir auch das Glück, bei­de in Berei­chen zu arbei­ten, die es uns erlau­ben mit einem Baby­sit­ter zu arbei­ten und so ein­fach an Stel­len, wo es für uns schwie­rig wird, auch mal einen Baby­sit­ter zu bezah­len. Das glau­be ich sind Din­ge, die mich schon sehr beschäf­tigt haben, auch wei­ter voll berufs­tä­tig zu sein obwohl man klei­ne Kin­der hat. Das ist viel Arbeit und da sind wir als Gesell­schaft auch wohl noch nicht dort ange­kom­men wo wir sein könn­ten.

 

  1. Haben Sie einen Rat­schlag für jun­ge Frau­en in der Arbeits­welt, ins­be­son­de­re im inter­na­tio­na­len Kon­text?

Ich fin­de man soll­te sich Vor­bil­der suchen. Das ist das was für mich immer ganz gut funk­tio­niert hat. Natür­lich kann man dann auch dar­an arbei­ten, auch für Ande­re gute Vor­bil­der zu sein. Ich fin­de, dass es ganz wich­tig ist, in einer Welt, in der wir eine Idee davon haben, dass nicht alles so sein muss, wie es heu­te ist, dass es Vor­bil­der gibt. Wir sind jetzt in einer Genera­ti­on, in der wir das Glück haben, dass es für Vie­les auch Frau­en in den jewei­li­gen Rol­len gibt. Das hilft am meis­ten dabei her­aus­zu­fin­den, was ich möch­te und wie ich dahin kom­me. Vor­bil­der hel­fen uns an zwei Stel­len. Zum Einen zei­gen sie, was alles mög­lich ist, und es hilft auch zu sehen, wie die Frau das eigent­lich macht. Ich fin­de zum Bei­spiel Frau Nord­mey­er von UNWo­men dem Natio­na­len Komi­tee in Deutsch­land ein ganz gro­ßes Vor­bild weil sie es mit einer unglaub­li­chen Ruhe und Beharr­lich­keit schafft, die The­men immer wie­der auf den Tisch zu brin­gen. Vor­bil­der sind auch hilf­reich, um über die eige­nen Zwei­fel hin­weg zu kom­men und zu sehen, dass die ande­ren Frau­en viel­leicht auch nicht per­fekt sind. Dass es Frau­en sind, die sich da hin­ge­ar­bei­tet haben- mit all ihren Schwä­chen und Stär­ken und da etwas bewir­ken. Auch noch mal ein ande­rer Hin­weis: Es soll­te nicht ver­ges­sen wer­den, dass wir Ver­ant­wor­tung über­neh­men müs­sen. Nicht nur für unse­ren eige­nen Berufs­weg son­dern auch für die finan­zi­el­le Zukunft. Wir Frau­en sind immer noch oft unbe­darf­ter als wir es sein soll­ten, im Hin­blick dar­auf, was spä­te­re Aus­sich­ten auf Ren­te. An der Stel­le gibt es näm­lich durch­aus ein Pro­blem. Das alte Sys­tem, dass Frau­en durch ihre Män­ner abge­si­chert wer­den, ist auf­ge­löst. Es gibt weni­ger Garan­ti­en dar­auf, dass Frau­en im Alter noch abge­si­chert wer­den. Es gibt weni­ger Ansprü­che die sie stel­len kön­nen; auch nach einer Schei­dung. Auf der ande­ren Sei­te wird nicht genug dafür getan, dass Frau­en sich auch eine ver­nünf­ti­ge Ren­te auf­bau­en kön­nen. Da sehe ich im Moment ein rie­si­ges Pro­blem, das zum einen poli­tisch geklärt wer­den muss, aber des­sen sich auch jede Frau bewusst sein muss. Ein­fach auch, weil es unab­hän­gig macht. Unab­hän­gig­keit funk­tio­niert nicht, wenn man von ande­ren finan­zi­ell abhän­gig ist. Und dar­um geht es doch.

 

Die­ses Inter­view wur­de von Juli­ka Häus­ling geführt.

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