Freie Bahn für Fearless Girls — Interview mit Sabine Lautenschläger

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Sabi­ne Lau­ten­schlä­ger ist aktu­ell die ein­zi­ge Frau im EZB-Direk­to­ri­um. Im ers­ten Inter­view des Jah­res ermu­tigt sie jun­ge Frau­en selbst Pro­jekt­lei­tun­gen zu über­neh­men, Gleich­be­rech­ti­gung zu Hau­se anfan­gen zu las­sen und nicht alles durch die Geschlech­ter­bril­le sehen zu wol­len. Eben­so erläu­tert sie, in wel­cher Form sie Dis­kri­mi­nie­rung am Arbeits­platz gegen­über Män­nern beob­ach­ten konn­te.

Das Bei­trags­bild, foto­gra­fiert von Anna Schwarz, und der Titel grei­fen das “Fearless Girl” auf, das dem Wall Street Stier die Stirn bie­tet und in New York anläss­lich des inter­na­tio­na­len Frau­en­ta­ges auf­ge­stellt wur­de. Es soll auf den immer noch gerin­gen Frau­en­an­teil in Füh­rungs­po­si­tio­nen auf­merk­sam machen.

Anknüp­fend an das The­ma der Frau­en­rechts­kom­mis­si­on 2017 „Die wirt­schaft­li­che Stär­kung von Frau­en in der sich ver­än­dern­den Arbeits­welt” prä­sen­tiert der Arbeits­kreis Gen­der­ge­rech­tig­keit jeden Monat eine weib­li­che Füh­rungs­po­si­ti­on aus den inter­na­tio­na­len Bezie­hun­gen.

 

1. Bit­te stel­len Sie sich kurz vor und beschrei­ben Sie Ihre der­zei­ti­ge Tätig­keit

Zur­zeit bin ich sowohl Mit­glied im Direk­to­ri­um der Euro­päi­schen Zen­tral­bank (EZB) und damit des EZB-Rates als auch stell­ver­tre­ten­de Vor­sit­zen­de des Auf­sichts­gre­mi­ums der EZB – oder, etwas ein­fa­cher for­mu­liert, der euro­päi­schen Ban­ken­auf­sicht. Die euro­päi­sche Ban­ken­auf­sicht wur­de Ende 2014 ins Leben geru­fen; sie ist also recht neu, und ent­spre­chend viel Auf­bau­ar­beit müs­sen wir leis­ten. Wir haben ehe­mals 19 ver­schie­de­ne Auf­sichts­prak­ti­ken unter einem Dach­zu­sam­men­ge­führt und sind dabei die­se zu einem euro­päi­schen Ansatz zu ver­ei­nen. Dabei defi­nie­ren wir nicht nur gemein­sa­me euro­päi­sche Metho­den und Stan­dards, nach denen die euro­päi­schen Ban­ken beauf­sich­tigt wer­den, son­dern wen­den die­se auch auf jede ein­zel­ne Bank an. Hier­für ist es ent­schei­dend, eine euro­päi­sche Auf­sichts­kul­tur zu schaf­fen und die Auf­se­her von Lis­sa­bon bis Hel­sin­ki zu einem ech­ten Team zu machen.Das Ziel unse­rer Arbeit ist es, zu einem sta­bi­len Ban­ken­sek­tor bei­zu­tra­gen. Und das wie­der­um nützt der Wirt­schaft und damit den Men­schen. Das emp­fin­de ich als sehr befrie­di­gend.

 

2. Könn­ten Sie Ihren Aus­bil­dungs- und Kar­rie­re­weg kurz beschrei­ben?

Stu­diert habe ich Jura und bin nach mei­nem zwei­ten Staats­ex­amen direkt in die Ban­ken­auf­sicht gegan­gen, zum dama­li­gen Bun­des­auf­sichts­amt für das Kre­dit­we­sen, dem BaK­red. Das war 1995. Im BaK­red war ich zwi­schen­drin auch als Pres­se­spre­che­rin tätig. Spä­ter ist das BaK­red dann in der Bun­des­an­stalt für Finanz­dienst­leis­tungs­auf­sicht, der BaFin, auf­ge­gan­gen, die damit zur zwei­ten Sta­ti­on mei­ner Kar­rie­re wur­de. Im Jahr 2005 habe ich die Ver­ant­wor­tung für die Auf­sicht über die gro­ßen deut­schen Ban­ken über­nom­men. Im Jahr 2008 bin ich ins Direk­to­ri­um der BaFin auf­ge­stie­gen, in dem ich für die Ban­ken­auf­sicht zustän­dig war.Drei Jah­re spä­ter kam der Wech­sel zur Deut­schen Bun­des­bank. Als Vize­prä­si­den­tin war ich dort unter ande­rem für die Ban­ken­auf­sicht zustän­dig, die damals noch aus­schließ­lich auf der natio­na­len Ebe­ne ange­sie­delt war. Anfang 2014 bin ich schließ­lich von den euro­päi­schen Staats- und Regie­rungs­chefs in den Vor­stand der Euro­päi­schen Zen­tral­bank beru­fen wor­den.

 

3. Inwie­fern ist Ihnen auf ihrem Wer­de­gang jeg­li­che Art von Dis­kri­mi­nie­rung auf Grund ihres Geschlechts begeg­net?

Das offen­sicht­lichs­te Zei­chen für Dis­kri­mi­nie­rung ist der Man­gel an Frau­en in Füh­rungs­po­si­tio­nen. Im Direk­to­ri­um der Bun­des­an­stalt für Finanz­dienst­leis­tungs­auf­sicht: Vier Män­ner und ich als ein­zi­ge Frau. Im Vor­stand der Deut­schen Bun­des­bank? Fünf Män­ner und ich die ein­zi­ge Frau. Im Direk­to­ri­um der EZB? Eben­falls fünf Män­ner und eine Frau. Hier muss also noch eini­ges nach­ge­holt werden.Aber um zum Anfang zurück­zu­ge­hen: Zu Beginn mei­ner Kar­rie­re gab es in deut­schen Behör­den (und ver­mut­lich nicht nur dort) noch immer Män­ner, die sehr kla­re Vor­stel­lun­gen von der Rol­le einer Frau hat­ten. Die Frau war für die Fami­lie zustän­dig, der Mann für die Kar­rie­re. Da habe ich – übri­gens von Män­nern und Frau­en – gele­gent­lich Sät­ze gehört wie: „Sie sind ja Mut­ter und müs­sen kei­ne Kar­rie­re machen“. Und dabei hat­te ich oft das Gefühl, dass die­se Art Dis­kri­mi­nie­rung gar nicht unbe­dingt an den Fähig­kei­ten von Frau­en ansetzt, son­dern eher am Rollenbild.Heute, gut 20 Jah­re spä­ter, sind wir da deut­lich wei­ter gekom­men. Den­noch neh­me ich Dis­kri­mi­nie­rung wahr, und ein Teil die­ser Dis­kri­mi­nie­rung setzt noch immer am Balan­ce­akt zwi­schen Beruf und Fami­lie an. Der Unter­schied ist aber, dass heu­te auch Män­ner die­se Art von Dis­kri­mi­nie­rung erfah­ren. Denn es gibt immer mehr Väter, die einen Bei­trag zur Fami­lie leis­ten, indem sie Eltern­zeit neh­men oder in Teil­zeit arbei­ten. Und damals wie heu­te gilt: Wer sich um die Fami­lie küm­mert, muss mit Vor­ur­tei­len kämp­fen und Hin­der­nis­se über­win­den, wenn es um die Kar­rie­re geht. Von die­ser Art Dis­kri­mi­nie­rung müs­sen wir weg. Unser Ziel muss sein, dass Beruf und Fami­lie mit­ein­an­der ver­ein­bar sind – für Frau­en eben­so wie für Män­ner.

 

4. Haben Sie einen Rat­schlag für jun­ge Frau­en in der Arbeits­welt, ins­be­son­de­re im inter­na­tio­na­len Kon­text?

In der Tat fan­gen für Frau­en die Pro­ble­me oft erst im Beruf an. Wäh­rend in der Aus­bil­dung noch Chan­cen­gleich­heit herrscht, müs­sen Frau­en im Beruf oft mit grö­ße­ren Wider­stän­den kämp­fen als Män­ner.
Aber zunächst wür­de ich Frau­en genau das­sel­be raten wie Män­nern: eine gute Aus­bil­dung anstre­ben, Erfah­run­gen sam­meln und über den (natio­na­len) Tel­ler­rand hin­aus schau­en. Frau­en soll­ten sich zutrau­en, an Pro­jek­ten teil­zu­neh­men oder die­se zu lei­ten – nur so machen Sie auf sich auf­merk­sam.
Wer gut aus­ge­bil­det ist, die nöti­gen Qua­li­fi­ka­tio­nen besitzt und sei­ne Stär­ken gut ein­setzt, kann dann im Beruf selbst­be­wusst auf­tre­ten – gera­de als Frau. Was letzt­lich zäh­len muss, ist die Leis­tung und nicht die Zahl der Über­stun­den. Vor allem Frau­en soll­ten nicht müde wer­den, das immer wie­der ein­zu­for­dern.
Gleich­zei­tig soll­ten Frau­en nicht alles durch die Geschlech­ter­bril­le betrach­ten: Nicht jede beruf­li­che Aus­ein­an­der­set­zung ist ein Kampf zwi­schen Mann und Frau, und nicht jeder beruf­li­che Rück­schlag ist eine Fol­ge von Dis­kri­mi­nie­rung.
Letz­tens Endes aber fan­gen beruf­li­che Gleich­be­rech­ti­gung und Chan­cen­gleich­heit schon zuhau­se an. Die Kin­der zu erzie­hen, soll­te eben­so Sache der Väter sein wie der Müt­ter. Mein Rat an jun­ge Frau­en ist also: drän­gen Sie ihre Män­ner dazu, die­ser Ver­ant­wor­tung gerecht zu wer­den. Eini­ge tun genau das bereits, aber es müs­sen noch mehr wer­den.

 

Die­ses Inter­view wur­de von Shi­la Block und Hele­na Kieß geführt.

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